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Tätowierung

 

 

Benno bockt

Benno hat Glück, sollte man denken. Er kommt raus aus dem Jugendhof, in eine gute Familie, Vater Fabrikbesitzer, Mutter arbeitet unbezahlt mit, Adoptivtochter verdreht den Männern in der Fabrik und auch dem Vater und dann auch Benno den Kopf. Benno bockt. Den ersten Job in der Küche schmeißt er hin, den zweiten Job beim Teppichhändler dann auch. Er schläft mit Gaby, der Adoptivschwester. Er dringt ein in den Jugendhof, stiehlt einen Revolver, wird von den anderen Jugendlichen gejagt, wie früher, damals, als sie ihn mit der Bohrmaschine auf der Brust tätowierten. Er entkommt, aber er entkommt auch wieder nicht. Der Revolver weist auf das Ende, auf das alles hinauslaufen muss.

Rasend, mit einer Verfolgung, beginnt dieser Film, das Kinodebüt von Regisseur Johannes Schaaf und Drehbuchautor Günter Herburger und Hauptdarsteller Christof Wackernagel. Und rasant geht es weiter, eine rasche Folge von Szenen, Bildern, Episoden eines Lebens in der Freiheit, die keine ist, mit den Adoptiveltern, die Benno beharrlich siezt, deren Freundlichkeiten ihn zum Widerstand treiben, deren Behagen an der eigenen Toleranz die Kinder erst recht bockig macht.

Aufgelöst ist das in Szenen des häuslichen Lebens und Szenen in der Grenzstadt Berlin, zumal die Fabrik, die dem Vater gehört, direkt an der Mauer steht. Einmal löst Benno einen Alarm aus, weil er Gaby beeindrucken will, Raketen steigen zur Beleuchtung des Mauerstreifens in die Luft, rot ist das Licht, weiß ist das Licht, die Adoptivgeschwister wälzen sich im Gras.

Es geht aber in dem hoch virtuos gefilmten und montierten Film überhaupt vieles sehr direkt ineinander über, ein ständiger Wechsel und Wirbel der Eindrücke, des Hin und Her zwischen Großaufnahmen und Totalen, ein Mosaik aus Fragmenten, der fliegenden Stimmungswechsel, zwischen Begütigung und Protest, Mittun und Rebellion, beim Auktionator, in den Straßen der Stadt, am Esstisch und beim Tischtennisspiel, Benno begraben unter Schallplatten, Benno und Vater und Schwester auf der Siegessäule, dazu die zwischen Flötenton-Leitmotiv und treibendem Jazz ihrerseits zu wilden Sprüngen fähige Musik von George Gruntz.

Am Rande zur Aufdringlichkeit, aber in den Wirkungen dennoch sehr toll: wie die Kamera von Wolf Wirth und Petrus Schlömp in ausgesuchten Bewegungen und Einstellungen den Handlungsvordergrund im Haus immer mit Gemälden und Fotos und überhaupt Bildern an der Wand konstelliert; fast ein Film im Film.

Regie und Buch enthalten sich jeden moralisierenden Kommentars. Der Film erzählt vom jungen Mann, der aus der rauen Gemeinschaft des Erziehungsheims in die permissive Toleranz einer Familie (als exzentrische Vertreter einer gar nicht so toleranten Gesellschaft) gerät. Was ihn restlos verwirrt. Es ist ein Unglück mit Ursachen, aber man kann eher nicht sagen, dass es um Schuldfragen geht.

„Tätowierung“ entstand 1967 und wirkt spätestens im Nachhinein wie das idyllische Vorspiel zur Revolte. Nur dass der Film so subtil wie genau vorführt, wie sehr die Idylle selbst schon tödlich vergiftet ist. Es ist eine böse Ironie, dass der Darsteller von Benno, Christof Wackernagel, später als Mitglied der RAF in den Knast musste. Johannes Schaaf dagegen, für dieses Debüt völlig zu Recht sehr gefeiert, kam dem Kino nach zu wenigen Filmen und dem seltsamen Schlusspunkt „Momo“ wieder abhanden und reüssierte als Regisseur an Oper und Theater. Wenigstens ist dieses zentrale Werk des Jungen Deutschen Films jetzt wieder greifbar. Die DVD-Edition hat leider kein einziges vernünftiges Extra.

Ekkehard Knörer

Dieser Text ist zuerst erschienen in der taz

  

Tätowierung
BRD 1967 - 86 Min. - FSK: ab16 - Regie: Johannes Schaaf - Drehbuch: Johannes Schaaf, Günter Herburger, Produktion: Rob Houwer - Musik: George Gruntz - Kamera: Wolf Wirth, Petrus Schloemp - Schnitt: Dagmar Hirtz - Besetzung: Helga Anders, Christof Wackernagel, Rosemarie Fendel, Alexander May, Tilo von Berlepsch, Heinz Meier, Heinz Schubert, Wolfgang Schnell

 

 

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