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Taking
Woodstock
„By
the time we got to Woodstock / We were half a million strong / And everywhere
there was song and celebration / And I dreamed I saw the bombers / Riding shotgun
in the sky / And they were turning into butterflies / Above our nation / We
are stardust / We are golden.“ Joni
Mitchell ließ sich für ihre Hymne auf „Woodstock“ bekanntlich von
den Fernsehbildern des legendären Musik-Festivals inspirieren, das vom
15. bis 17. August 1969 unerwartet viele Menschen auf das Gelände des Farmers
Max Yasgur in Bethel im Bundesstaat New York lockte. Wobei ungefähr genauso
viele Menschen auf den überfüllten Zufahrtsstraßen hängen
blieben. Als die Infrastruktur der Veranstaltung – auch infolge eines Wetterumschwungs
– zusammenbrach, drohte das Chaos, doch das Festival verlief erstaunlich friedlich.
Weil kurzfristig auch kein Eintritt mehr verlangt wurde, schien das Konzert
eine finanzielle Pleite zu werden, doch der Dokumentarfilm von
Michael Wadleigh und die Auswertung der beiden „Woodstock“-LPs mit ausgewählter
Musik des Festivalprogramms verankerten das Treffen im kollektiven Unterbewussten
mehrerer Generationen. Die Kunde von der „Woodstock Nation“ (Abbie Hoffman)
machte die Runde, die Rolf-Ulrich Kaiser hierzulande auf die Formel von der
„Gegenkultur“ brachte. Will man Woodstock „verfilmen“, droht schnell der konventionelle
Kurzschluss einer „Coming of Age“-Geschichte à la „Die
Reifeprüfung“
(fd 15 718) mit den omnipräsenten Bildern und Tönen des Dokumentarfilms.
Geradezu aufreizend verweigert sich der Filmemacher Ang Lee solch konventionellen
Instinkten; sein Film scheint vielmehr dem Anspruch eines „Re-Contextualizing
Woodstock“ verpflichtet und erzählt gewissermaßen an den „Three Days
of Peace & Music“ vorbei. Dabei handelt es sich bei „Taking Woodstock“ eigentlich
um eine Literaturverfilmung, denn dem Film liegen die romanhaften Erinnerungen
von Elliot Tiber zugrunde, der 1969 maßgeblich dafür sorgte, dass
das spektakuläre Festival überhaupt stattfinden konnte.
„Taking
Woodstock“ ist eine Komödie, die davon erzählt, wie die Hippies in
die konservative Provinz einfallen, um dort sich selbst und ihren libertinären
Lebensstil zu feiern. Ang Lee zeichnet diese Provinz mit viel Humor, erzählt
aber auch von Ressentiments und Antisemitismus. Der junge Elliot Teichberg ist
im Sommer 1969 nach Bethel gekommen, um das heruntergekommene Motel seiner spleenigen
Eltern vor dem Konkurs zu retten. Dazu will Elliot ein kleines Kulturfestival
veranstalten, das regionalen Künstlern wie der Theatertruppe Earth Light
eine Plattform bietet, aber unter dem Radar einer größeren Öffentlichkeit
stattfindet. Als einem kommerziellen Musikfestival in der Nachbargemeinde der
Veranstaltungsort verweigert wird, gewinnt Elliots Lizenz zur Durchführung
eines Kulturfestivals plötzlich immensen Wert. Elliot nimmt Kontakt auf
und tags darauf schwebt der „Woodstock“-Veranstalter Michael Lang mit seiner
Entourage per Helikopter in Bethel ein. Rasch zeigt sich, dass das Motel-Gelände
für das geplante Festival zu klein ist, doch der in Geldnot geratene Farmer
Max Yasgur stellt seine Felder zur Verfügung.
In
der Folge porträtiert Ang Lee anhand allerlei burlesker Episoden, wie mindestens
drei unterschiedliche Zeitlichkeiten für ein paar Tage lang synchronisiert
werden: die der agrarisch geprägten Provinz in den Catskill Mountains,
die der jungen Festivalveranstalter, die eifrig und mit kapitalistischer Logik
an der Kommerzialisierung der Hippiekultur arbeiten, wenngleich sie selbst mit
dem Habitus von Hippies auftreten – und die der Hippies selbst, die mit unerwarteter
Resonanz auf das Kulturangebot reagieren.
Sehr
geschickt re-inszeniert Ang Lee das Festival als fernes Echo, beschränkt
sich auf ein paar ikonisch gewordene Bilder, Panoramen (etwa der auf einem Pferd
über das Festivalgelände reitende Michael Lang oder das Festivalgelände
selbst) und Klänge wie „Going Up the Country“ von Canned Heat. Genauso
wie der Film mit einer Musikauswahl überrascht, die gerade nicht in Woodstock
gespielt wurde (The Doors, The Seeds, Love, The Band) oder nicht in Wadleighs
Dokumentation auftaucht (Musik von The Grateful Dead oder „Wooden Ships“ von
Crosby, Stills & Nash), gelingen dem Film durch klug skizzierte Nebenhandlungen
und -figuren zeithistorische Bezüge, etwa zur Mondlandung, zu den Stonewall
Riots vom Juni 1969 oder zum Vietnamkrieg. Wer will, kann in der Atmosphäre
des Films auch Spuren der latenten Gewalt entdecken, die die verunsicherte US-Gesellschaft
in den 1960er-Jahren prägte. Genau deshalb gelingt es „Taking Woodstock“,
den Geist der Utopie der „Woodstock Nation“ als Ganzes zu erfassen. Ein paar
Monate später sollten bei Langs nächstem Festival auf dem Gelände
der stillgelegten Autorennbahn von Altamont dann schon die Rolling Stones auftreten.
„Ein Traum!“, schwört Michael Lang. Doch was ein Aufbruch zu sein schien,
war bereits das Ende eines verlängerten Summer of Love.
Ulrich
Kriest
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: film-Dienst
Taking
Woodstock
(TAKING
WOODSTOCK)
USA
2009
Produktion:
Focus Features
Produzent:
Ang Lee, James Schamus
Regie:
Ang Lee
Buch:
James Schamus
Buchvorlage:
Elliot Tiber, Tom Monte
Kamera:
Eric Gautier
Musik:
Danny Elfman
Schnitt:
Tim Squyres
Darsteller:
Demetri Martin (Elliot Teichberg), Imelda Staunton (Sonia Teichberg), Henry
Goodman (Jake Teichberg), Eugene Levy (Max Yasgur), Jonathan Groff (Michael
Lang), Liev Schreiber (Vilma), Emile Hirsch (Billy), Jeffrey Dean Morgan (Dan),
Dan Fogler (Devon), Mamie Gummer (Tisha), Paul Dano (junger Mann im VW-Bus),
Kelli Garner (junge Frau im VW-Bus)
Länge:
121 Minuten
FSK:
ab 14
Verleih:
Tobis
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