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Tattoo
Das Plot ist banal.
Ein Kommissar. Ein Assistent. Ein Serienkiller, aber wer ist es? Der Schnitt
(Peter Przygodda) macht daraus etwas anderes. Schönes. Er spricht mir aus
dem Herzen. Er drängt die klugscheißerischen Dialoge (Robert Schwentke)
ins Abseits und setzt andere Schwerpunkte.
Die Handlung wird
abgehakt, gewiss. Was stehen bleibt, sind Bilder. Etwas zum Festhalten. Etwa
gleich im Vorspann der Lauf einer nackten, blutüberströmten Frau durch
nächtlich leere Straßen, lang. Dann in jeweils zwei Sekunden ein
vorbeifahrender LKW, eine Explosion und fertig. Eine wohltuende Verkürzung.
Wurde die Nackte überfahren? Wieso die Explosion? Wir sind eingestimmt,
dass es auf Erklärungen nicht ankommt. Das Unerklärliche ist die Attraktion.
Das Bild vom langen Lauf durch die Nacht bleibt stehen, und wer sich eingestimmt
hat, wird nicht eines Besseren belehrt. Wer Ungereimtheiten liebt, wird sich
von den dialogfreien Bildern in den Film einsaugen lassen. Ein anderes Beispiel.
Die Handlung gebietet, sich dafür zu interessieren, ob die Kriminalbeamten
im Haus den Täter finden. Der Schnitt bleibt jedoch bei der Szene stehen,
in der sie ein Streichholz nach dem anderen anzünden, um sich zu orientieren.
Wieder gibt es Zeit, sich einzustimmen. Atmosphäre entsteht, und man vergisst
darüber die Frage, warum Polizisten im nächtlichen Einsatz nicht mit
Taschenlampen ausgerüstet sind. Egal. Das Wiesoweshalbwarum wird zur Nebensache.
Erst in einer viel späteren Sequenz (Kanalisation) gibt es den Taschenlampeneinsatz.
Schon gut, aber nicht egal. Dann nun gibt es ein ausgedehntes Eintauchen in
Licht und Lichtreflexe (Wasser). Es zählt dieser Moment, der Zeit und Plot
und Whodunnit vergessen lässt. Wir sind einfach da, dabei, und laufen mit,
wenn’s wieder losgeht.
Grundstruktur der
Montage ist das Laufen. Und das Stillstehen zum Atemholen. Erst das Vorwärtkucken
mit eingeengtem Blickwinkel; die narrativen Vorgaben werden in aller Eile bedient.
Dann die Totale auf die ins Blaunächtliche verfremdete Stadt. Den Blick
frei, die Lunge gefüllt mit kalter Luft. Und weiter. Der Schnitt rennt,
aber das ist nicht wörtlich zu nehmen. Ebenso gut kann es eine Autofahrt
sein. In Spiralen ein Parkhochhaus hoch. Wieder gibt es die Zeit, die ausreicht,
sich mithochzuschrauben, ein Stockwerk, noch eins, viele. Um auf dem obersten
Parkdeck was zu erleben? Interessiert es? Nicht wirklich. Ein Schuss und zwei
Sekunden lang eine blutverschmierte Frontscheibe. Wer? Wie? Was? Wenn du es
nicht mitkriegst, ist es auch egal. Der Beat des Schnitts zählt. Im Club
kriegst du auch nicht immer mit, was der da oben singt.
Drum ist im ersten
Teil des Films die Clubszene lang gehalten. Sie ist erfreulich frei von Dialog.
Ja, in Ordnung, da dealt einer, einer konsumiert und so weiter. Aber deswegen
sind wir nicht da. Es wird getanzt. In atmosphärischem Licht. Und es muss
jetzt gesagt werden, dass Kamera, Ton und Musik mit dem Schnitt im Bunde sind.
Und mit dem Zuschauer. Die Kamera ist gern in Bewegung. Die Tonmontage setzt
ihrerseits Schwerpunkte, die neben der Narration liegen. In anderen Szenen ist
es das Rascheln des trockenen Laubs auf der Straße, das unsere Aufmerksamkeit
in Anspruch nimmt. Die Verbündeten machen den Thrill des Films, und wer
zukuckt, nimmt ihn wahr. „Tattoo“ wird dadurch mehr als ein Krimi. Wo wir beim
Joggen stehen bleiben, dort ist kein Tatort. Aber ein Ort kurz oder länger
zu verweilen. Es wird nicht sachdienlich illustriert. Wohl aber sind wir eingeladen,
uns selbst ein Bild zu machen. Beim Mitmachen. Im Montagerhythmus.
Der Film hat das
Tempo, das zum Joggen gehört. Was die Polizei herausfindet oder nicht,
steht am Wegesrand. Ein Blick drauf. Das wars. Zufälligkeiten. Aha, wieder
ein Gehäuteter. Komparse Sven ist begraben. Der Kommissar (Christian Redl)
legt sein Gesicht frei. Okay, wir kriegen es mit. Assistent August Diehl hat
den Film hindurch ein leeres Gesicht, emotionslos. Schon besser. Die Emotionen
machen wir als Zuschauer. Motivation und Psychologie werden im Ablauf des Films
zweitrangig. Ertragen müssen wir allerdings Lectures über die Kunst
der Tattoos und über ihre Sammler, Hautsammler. Das steht so im Drehbuch.
Auch der dämliche Satz der Kommissartochter über ihren Vater: „Er
lässt mir keine Freiheit, der Arsch“. Ich halte mich lieber an Maya (Nadeshda
Brennicke). Sie schweigt. Sie ist unstimmig. Sie ist undurchsichtig. Sie will
was. Was? Was von mir. Meine Haut? Ich würde ihr Feuer für die Zigarette
geben. In der Schlusssequenz wird zelebriert, wie das geht. Die Montage lässt
ihr und mir Zeit für eine Zigarettenlänge. Jei, das geht ins Blut.
Und nicht die Beantwortung der Frage, war sie es nun oder nicht. Moment mal.
Der Film ist zu Ende und doch nicht. Mitten im Abspann ist eine Sequenz einmontiert.
Ein Bild ohne verbale Zutat. Eine Nadel dringt in die Haut. Eine dem Altmeister
Iruzemi würdige Tätowierung. Auf dem Rücken von August Diehl.
Das ist eine klare Antwort. Danke, Peter Przygodda. Bitte, ich will auch so
ein Tattoo.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen
im: schnitt
4.2008
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Tattoo
Deutschland
2002
Länge:
108 Minuten
Regie:
Robert Schwentke
Drehbuch:
Robert Schwentke
Produktion:
Jan Hinter, Roman Kuhn
Musik: Martin
Todsharow
Kamera: Jan
Fehse
Schnitt:
Peter Przygodda
Besetzung:
August
Diehl: Kommissar Marc Schrader
Christian
Redl: Kommissar Minks
Nadeshda
Brennicke: Maya Kroner
Johan
Leysen: Frank Schoubya
Fatih
Cevikkollu: Dix
Monika
Bleibtreu: Kommissarin Roth
Ilknur
Bahadir: Meltem
Joe
Bausch: Günzel
Florian
Panzner: Poscher
Jasmin
Schwiers: Marie Minks
Gustav-Peter
Wöhler: Scheck
Ingo
Naujoks: Stefan Kreiner
Christiane
Scheda: Lynn Wilson
Wanda
Perdelwitz: Baby
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