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Ten
Arte
povera
Der neue Kiarostami-Film »Ten«
folgt einer radikalen Ästhetik der Reduktion. Insbesondere von zwei Elementen,
die dem iranischen Kino der letzten zwanzig Jahre zu einer treuen Zuschauergemeinde
verholfen haben, distanziert er sich dabei: von den schlichten und schönen,
ganz für sich sprechenden Bildern, die jenseits der effekthascherischen
Illusionsmaschine Hollywoods einen Blick auf eine unbekannte Welt gewährten,
sowie vom einfachen, linearen, parabelhaften Plot, dem es gelang, den Alltag
dieser Welt in ein episches Zeitmaß zu fassen und über die Besonderheit
der geschilderten Lebensumstände hinaus einer größeren Allgemeinheit
verständlich zu machen.
Emanzipation
in Teheran
Nun engt Kiarostami den Blick provokativ
ein und er forciert das Alltägliche, indem er einige wenige Aspekte in
der Wiederholung des Immer-Gleichen herausgreift. Er schränkt auch seine
Darstellungsmöglichkeiten streng ein. Kiarostami hat sich gewissermaßen
seine eigenen Dogma-Regeln auferlegt. Gefilmt wurde nur mit zwei Digital-Kameras,
die am Rückspiegel eines Autos angebracht waren. Die eine Kamera war auf
den Fahrersitz gerichtet, die andere auf den Beifahrersitz. Auf dem Fahrersitz
befindet sich immer dieselbe Frau, sie fährt mit dem Auto durch Teheran.
Als Beifahrerinnen chauffiert sie ihre Schwester, eine Freundin, eine Prostituierte,
eine Gläubige und – als einzigen männlichen Fahrgast – ihren achtjährigen
Sohn Amin. Manche der Fahrgäste kommen
öfter vor, der Sohn zum Beispiel vier Mal.
Insgesamt schildert der Film zehn solcher
Fahrten (der Titel nimmt also ganz lakonisch Bezug auf den formalen Rahmen).
Man sieht nur zwei Arten von Einstellungen, die Fahrerin oder die jeweiligen
Beifahrerinnen bzw. den Sohn, in unterschiedlicher Schnittfrequenz; die erste
Sequenz etwa zeigt ohne Schnitt nur den Sohn während des heftigen Disputs
zwischen ihm und seiner Mutter. In diesen Debatten und Streitreden wird das
Drama der sich emanzipierenden Frau im heutigen Iran zwischen Patriarchat und
Fundamentalismus sichtbar: die Fahrerin hat sich von ihrem sehr traditionell
denkenden Mann scheiden lassen, der Sohn (der auf geradezu penetrante Weise
die reaktionären Positionen des Vaters ständig wiederkäut) will
nicht bei der Mutter und ihrem neuen Lebensgefährten bleiben, was letztlich
dazu führt, dass die Mutter dem Vater das Sorgerecht überläßt.
Das spielt sich sozusagen im Hintergrund ab, in den Zwischenzeiten zwischen
den einzelnen Fahrten mit dem Sohn, den sie mal zum Schwimmbad fährt, mal
zur Großmutter, oder aber zum Treffpunkt mit dem Vater, der in seinem
Auto auf der anderen Straßenseite sitzend den Sohn wieder in Empfang nimmt.
Auch die anderen Frauen wie die Schwester
oder die Freundin, die zwei Mal mitfahren, haben zwischen den Fahrten etwas
durchgemacht, bei ihnen handelt es sich jeweils um eine gescheiterte Liebesbeziehung,
das Zerbrechen einer Illusion, auf die sie ihr ganzes Lebensglück setzten,
im Gegensatz zur Hauptfigur der Fahrerin, die sich nicht nur auf die Liebe verlassen,
sondern sich beruflich als Photographin verwirklichen möchte.
Die Prostituierte dagegen, mit ihrem Skeptizismus,
mit ihrem Spott auf alles Idealisierte und Überbauartige (sei es nun religiös
oder bürgerlich, individualistisch oder politisch begründet), hinterfragt
mit ihrem Lachen, das alle Schattierungen zwischen wahrhaft zynischem Gelächter
und amüsiertem Kichern und kindischem Glucksen abdeckt, alle Positionen
von einer materialistischen Basis aus, sie dekonstruiert alle Formen der ehelichen
oder romantischen Liebe von der Realität des Begehrens aus.
Tatsächlich bleibt am Ende des Films
so etwas wie Resignation bei der Hauptfigur, die nach Selbstverwirklichung strebt:
es wirkt, als hätte sie den Sohn an den Vater verloren, als hätte
sie es aufgegeben, um ihn zu kämpfen, um seine Zuneigung, um die Chance,
aus ihm eine andere Typ Mann zu machen, als es der Vater ist. Und so hat es
etwas sehr Bitteres, aus dem Mund des Kindes die bornierte Forderung nach einer
Mutter, nach einer Frau zu hören, deren Platz im Haus ist, in der Küche,
die für Essen und einen ordentlichen Haushalt sorgen muß und ihre
eigenen Belange hintanzustellen hat.
An der Figur der Fahrerin wird exemplarisch
klar, was es bedeutet, für sich selbst eine Position erkämpfen zu
wollen, sich behaupten zu wollen: man setzt sich damit den anderen gegenüber
manchmal auch ins Unrecht, macht sich angreifbar. An diesem undankbaren Punkt
steht diese Frau in »Ten«. Und Kiarostami hat mit seiner minimalistischen
Technik ein Mittel gefunden, diesen Prozeß in geradezu dramatischer Weise
aus nächster Nähe mitzuverfolgen und dabei eindringliche Momente starker
Intensität zu erzeugen.
Echokammer
der Wirklichkeit
Der fixierte Rahmen der zwei Kameraeinstellungen
und das gleichförmige Schema der zehn Sequenzen (manche bestehen aus einem
ungeschnittenen Take), das dem dargestellten Inhalt vollkommen gleichgültig
gegenübersteht, sorgen dafür, dass »Ten« keiner herkömmlichen
Dramaturgie gehorcht. Man glaubt zunächst, es einfach mit einer willkürlichen
Anhäufung beliebiger Szenen zu tun zu haben.
Die Dispute, die im Auto geführt
werden, Dispute um Liebe und Sex, um Glück und Beruf, um Werte der Familie
und der Religion, um Belange wie den Tschador, die Gebete, den Kindergarten,
dann alltägliche Tätigkeiten wie Kuchen kaufen, Geburtstagsfeiern
vorbereiten, ins Restaurant gehen, Parkplatz suchen, schließlich der städtische
Hintergrund, der nur vom Auto aus erfasst wird, die Straßen, der Verkehr,
der Lärm, Bäume, Geschäfte: All das sind die Bausteine, die zu
so etwas wie einem Infrarealismus des Unbedeutenden beitragen. Die Realität
selbst, so meint man, ist draußen, im Off, sie wird im Diskurs, im Gespräch
evoziert und angeschnitten, sie scheint auf im Affekt, der sich in der Gesichtern,
in den heftigen Wortwechseln ausdrückt, sie ist immer nur als Indiz, als
Andeutung da, in Symptomen, kleinen Zeichen und Details, die auf Interpretation
angewiesen sind. Das Auto wird zu einer Art Echokammer der Wirklichkeit. Und
die gesellschaftliche Realität, das Allgemeine, ist dabei das, was sich
repräsentativer direkter Darstellung entzieht, was sich im Diskursiven
gleichermaßen auflöst und verdichtet, sich nur im Nebensächlichen,
im Unbedeutenden des Geredes, im Dazwischen und Daneben der Gesten, in den Falten
und Nischen des Alltäglichen verbirgt. Kiarostami war dabei für iranische
Verhältnisse deutlich und explizit genug, um sich für den Film ein
Aufführungsverbot einzuhandeln.
Der dokumentarische Gestus, den Kiarostami
hier radikalisiert, nährte sein Kino schon immer; »Ten« stellt
vom narrativen Ansatz her eine formale Verschärfung seines Films »Der
Geschmack der Kirsche«
dar, der ja auch bereits den Autofahrer und seine Beifahrer als Strukturprinzip
verwendete. Das Dokumentarische bei Kiarostami ist dabei häufig an die
Räume im konkret physikalischen Sinn gebunden: an eine Geometrie der Wege
und zurückgelegten Strecken, über deren Verlauf und Nachzeichnung
sich die schlichte Eleganz der parabelhaften Geschichten wie von selbst ergab.
Aber das Vertrauen auf einfache Fabeln,
das seine frühen Filme, und nicht nur seine für Kinder gedachten Filme,
auszeichnete, scheint Kiarostami nun abhanden gekommen zu sein. Anderseits hatte
Kiarostami den Versuch, das reine parabelhafte Erzählen mit Formen des
Reflexiven aufzubrechen, bereits erfolgreich absolviert: mit verblüffend
einfachen, aber höchst raffiniert verschränkten Spiegeleffekten zwischen
Fiktion und Realität war es ihm in »Und das Leben geht weiter«
und »Quer
durch den Olivenhain«
gelungen, souverän den stilistischen Bogen vom Neorealismus zum intellektuellen
Autorenfilm zu schlagen. In »Ten« möchte sich Kiarostami jetzt
seines Autorenstatus’ entledigen, folgt man seinen Aussagen in Interviews. Er
nutzt dazu die digitalen Kameras, die eine Verkleinerung des autoritären
und einschüchternden technischen Apparats ermöglichen. Den Schauspielern
soll so eine größere Freiheit und Eigenständigkeit eingeräumt
werden. Kiarostami knüpft mit seinen Äußerungen vom Rückzug
des Regisseurs zudem an das an, was er anlässlich einer in den Cahiers
de Cinéma dokumentierten Podiumsdiskussion 1995 skizziert hat: der Film
der Zukunft würde lediglich ein Angebot an den Zuschauer sein, würde
diesen in seiner möglichst offenen Form Vorschläge zum Weiterdenken
unterbreiten, zur kreativen Auffüllung der absichtlich gelassenen Lücken.
Der auf der Leinwand gezeigte Film enthalte in sich hundert andere Filme, die
der jeweilige Betrachter erst zu realisieren vermag.
Freilich ist das ein wenig Koketterie,
wenn Kiarostami davon spricht, sich als Regisseur vollkommen zurückzunehmen.
Die Proben für die Aufnahmen waren sehr intensiv, die Arbeit an den Dialogen
sehr sorgfältig, auch wenn der Film einen sehr spontanen Eindruck macht.
Kiarostami wird in seinem Kino, bei dem der Zuschauer schon immer eher in der
Position des Beifahrers sich fand, das Steuer des Fahrers nicht wirklich aus
der Hand geben.
Allerdings scheint Kiarostami bereit zu
sein, mit der Anwendung der digitalen Technik und ihrer weniger durch einen
schweren Apparat behinderten Handhabung auch seine bisherige Ästhetik (und
damit die der iranischen Kino-Schule) in Frage zu stellen. Jedenfalls gewinnt
er damit wieder eine kritische Intensität in der Auseinandersetzung mit
der Wirklichkeit, wo ihn doch in seinem letzten großen Erzähl-Film
»Der
Wind wird uns tragen«
die stille Kraft der schlichten Bilder ein wenig zu sehr in die Nähe einer
affirmativen Feier des bloßen Daseins geraten ließ. Und mit dieser
Bereitschaft zu neuen Techniken scheint er zumindest unter den iranischen Filmern,
die bei uns bekannt sind, eine Vorreiterrolle zu spielen.
Wolfgang Lasinger
Dieser Text ist zuerst erschienen bei:artechock
Zu diesem Film gibt's im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Ten
(Ten, 2002)
Regie: Abbas Kiarostami
Premiere: 20. Mai 2002 (Cannes Film Festival, Frankreich)
Drehbuch: Abbas Kiarostami
Dt. Start: 10. Juli 2003
Land: Frankreich, Iran, USA
Länge: 94 min
Darsteller:
Mania Akbari (Fahrer), Amin Maher (Amin), Lauren Wolf (Alicia), Kamran
Adl, Roya Arabashi, Roya Arabshahi, Amene Moradi, Mandana Sharbaf, Katayoun
Taleidzadeh
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