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Teorema –
Geometrie der Liebe
Das Weltganze in
98 Minuten Film
„Das klingt in der Theorie ganz gut, aber die Praxis sieht doch
anders aus.“ Dieses Totschlagargument hat jeder schon einmal gehört:
In Talkshows und Grundsatzdebatten, wenn die Hüter der Ordnung versuchen,
ihre Widersacher wegen ihrer unbequemen Theorien der Realitätsferne zu
überführen. Und es funktioniert ja auch in der Regel. Denn die Theorie
gilt immer noch bei den meisten Menschen als grau, weil sie angeblich mit ihren
Lehrsätzen, den Theoremen, keine gebrauchsfähigen Resultate bringt.
Als überzeugend und lebenserhaltend gilt allein die Praxis.
Was aber treibt die Hüter der Ordnung an, wenn sie versuchen
einen unliebsamen Denker wegen seiner Theorien und Theoreme statt mit dem altbewährten
Praxis-Argument Gewalt mundtot zu machen? Mit juristischer Gewalt beispielsweise.
Solche Maßnahmen erregen schnell einen schwerwiegenden Verdacht: dass
die Hüter der Ordnung hilflos sind und deswegen den Griff zu den Waffen
nötig haben. Anders könnten sie sonst nicht den unbequemen Denker
bekämpfen, nämlich weil er der Praxis zu nahe gekommen ist und möglicherweise
das große Ganze infrage gestellt hat.
1968 gab es so einen Fall mit dem italienischen Universalkünstler
Pier Paolo Pasolini und seinem Kunstdrama „Teorema“: Damals hatte die römische
Oberstaatsanwaltschaft „Teorema“ verboten. Für Pasolini, den Bürgerschreck
und Provokateur, war das ein bekanntes Szenario. Er, der Ewig-Verfolgte, stand
mehr als dreißig Mal vor Gericht. Nicht zu vergessen, die unzähligen
Hetzkampagnen der bürgerlichen Gesellschaft. Ob nun mit seinem Erstling
„Accatone“ (1961), oder seinem Kurzfilm „La Ricotta“ (1963) oder
seinem Nachlass „Die 120 Tage von Sodom“ (1975), häufig beschwor Pasolini Skandale und
das bis über seinen Tod hinaus. 1968 war nun Pasolinis „Teorema“ dran –
angeblich wegen Obszönität. Fragt sich nur, welche Obszönität
damit wohl gemeint war. Denn Pornografie, wie das richterliche Urteil vermuten
lässt, gibt es in keiner Sekunde irgendwo zu entdecken.
Trotzdem: „Blasphemie!“, feuerte der Vatikan aus rhetorischen Steinschleudern
Pasolini an den Kopf und unterstützte eifrig das Verbotsurteil. Und warum?
Weil Pasolini offen zeigt, wie zwei Männer zärtlich harmonisch und
in völlige Selbstverständlichkeit nebeneinander im Bett liegen oder
wie sich ein anderes Männerpaar bei einem Spaziergang in zärtlichen
homoerotischen Boxkämpfen üben und jedes Mal ist einer der Beteiligten
auch noch eine Heiligkeit. Doch rechtfertigte das gleich die Gewaltbereitschaft?
Anscheinend ist auch Pasolini der Realität zu nahe gekommen. Schauen wir
doch einfach mal etwas genauer auf sein Theorem:
In der Tat, Pasolini packt in „Teorema“ die intellektuelle Kreissäge
aus und zerstückelt alle Werte bürgerlicher Lebensart. Denn er stellt
die bürgerliche Kleinfamilie als eine gottlose Pest dar. In ihrem von der
Konsumgesellschaft bestimmten Spießertum ist sie ein Ort der Einsamkeit,
des Stumpfsinns und der Entfremdung, in der keiner seine Selbsterfüllung,
geschweige denn Liebe finden kann. Der deutsche Untertitel drückt das programmatisch
aus: Das Bürgertum ist ein geometrischer zwischenmenschlicher Ort, in der
Liebe als das Ideal des Irrationalen sich unmöglich verwirklichen kann.
Das Dumme ist nur, kein Bürgerlicher bemerkt jemals sein Dilemma. Im Gegenteil.
Für das Bürgertum gilt seine gute alte Kleinfamilie mit seiner geometrischen
Konformität zweifellos als Ort der Erfüllung und niemand kommt auf
die Idee, das infrage zu stellen. Was aber passiert, wenn dem modernen Bürgerlichen
eine Götterfigur leibhaftig erscheint? Diese Antwort liefert Pasolini in
„Teorema“:
Zentrum der Handlung ist eine Mailänder Fabrikantenfamilie, wohnhaft
in einer herrschaftlichen Villa, die auf den ersten Blick keine Schöner-Wohnen-Bedürfnisse
zu kurz kommen lässt. Pasolini führt die Familie äußerst
verknappt ein und zwar als Patriarchat. Eine alltägliche Heimkehr steht
an. Der weltmännische Vater Paolo, lässt sich in einer Limousine von
seiner Firma nach Hause chauffieren. Die Kinder Pietro und Odetta, an das Tor
zum Erwachsenenalter anklopfend, kommen von der Schule und die schöne aber
treue Mutter erwartet alle mit dem Buch in der Hand, während das Hausmädchen
Emilia das Haus hütet. Doch trotz des großbürgerlichen Glanzes
dieses geometrisch geordneten Lebensraumes gibt es unter der sauberen Oberfläche
erste Zeichen einer Beschädigung der materiell heilen Bürgertumswelt:
Die Villa nämlich wirkt auf den zweiten Blick wie ein Luxus-Käfig,
weil das Anwesen durch einen schweren und hohen Schmiedeeisenzaun von der Außenwelt
abgetrennt zu sein scheint. Zudem lässt Pasolini die ersten Szenen wie
einen Stummfilm ablaufen. Unter einer bedrohlich wirkenden grobkörnigen
Schwarzweißfotografie sehen wir zwar, wie sich die Lippen der Figuren
bewegen, aber wir hören nur die schaurig strenge Streichermusik Ennio Morricones.
Die Kommunikation erscheint folglich gestört. Passend dazu wirken die Gesichter
der Personen auch viel zu ernst und leer. Besonders Lucias ebenmäßiges
Gesicht erscheint wie eine Maske. Zu dick ist ihre Schminke aufgetragen, als
das sie etwas Anderes sein könnte als nur ein Fassadenlack. Silvana Mangano
ist mit ihrem porzellanenen Teint für die Rolle der gelangweilten Ehefrau
mit kultivierter Fassade genau die richtige Wahl. Doch auch Tochter und Sohn
sind mit Anne Wiamzemsky und Andres Jose Cruz Soublette punktgenau besetzt.
Ihre blassen und verletzlichen Gesichter erwecken sofort den Eindruck, verbildete
Jugendliche zu portraitieren, denen jede naive Leichtigkeit fehlt und die zentnerschwer
an ihren Abgründen tragen. Odettas Fixierung auf ihren Vater deutet das
an. Augen für junge Männer aus ihrem Bekanntenkreis hat sie nicht.
Eines Tages schlüpft der Postbote namens „Engel“ als sei er das
Bindeglied zur Außenwelt durch das wuchtige Schmiedeeisentor und bringt
eine gute Nachricht zum Haus: Ein Besucher kündigt sich an und tritt bei
seiner Ankunft wie das leibhaftige Erscheinen Gottes auf. Als Symbol dieser
Lebenswende kommt die Farbfotografie zum Einsatz und auch die Gespräche
der Figuren sind wieder zu hören. Mit seiner jugendlichen Schönheit,
seiner natürlichen und selbstsicheren Körperlichkeit und seiner lässigen
Souveränität bringt diese Gottesfigur die makellose Fassade zum Einsturz,
indem alle Familienmitglieder einschließlich des Hausmädchens Emilia
in ihn verfallen und den Schrecken vor ihrer eigenen Sexualität verlieren.
Die katholische Emilia ist dabei die erste in der Reihe. Während
sie beobachtet, wie der Gast im Garten Rimbaud-Gedichte liest, bekommt sie wegen
ihrer erwachenden Lust Gewissensbisse und rennt zum Gebet. Da sie so ihre erotischen
Wünsche nicht abschütteln kann, versucht sie sich überstürzt
mit dem Gasherd zu ersticken. Wahrscheinlich ahnt sie in ihrem Katholizismus
in der Gestalt des Mannes die Anwesenheit Gottes. Doch der Gast rettet sie mit
väterlicher Güte und erfüllt ihre flehende Sehnsucht von ihm
besessen zu werden. Mit ähnlicher Güte und Wärme widmet sich
der Gast auch dem verklemmten und schwächlichen Sohn, der sich als Maler
versucht. Als der Gast in Pietros Zimmer umquatiert wird, offenbart Pietro seine
romantischen Wünsche, doch schämt er sich zunächst unter Tränen
für seine Offenheit, bis der Gast seine Scham mit wohlwollender Nachsicht
und Vertrautheit beschwichtigt und sich zu ihm ins Bett legt. Als nächstes
inszeniert Lucia eine Liebeszene: Sie betrachtet mit voyeuristischen Blicken
die am Boden liegende Unterwäsche des Gastes wie männliche Reliquien.
Anschließend erwartet sie den Gast nackt auf der Veranda des Hauses und
versucht ihn mit bettelnden Blicken an sich zu ziehen. Doch auch ihr Verlangen
ist von Scham durchbrochen, wahrscheinlich weil sie mit ihren Kleidungsstücken
alle Konventionen abgelegt hat.
Odetta ihrerseits entdeckt den Körper des Gastes, als sie ihren
Familien- und Vaterkult pflegen will und im Garten ihren Vater fotografiert.
Doch sie findet mit ihrem Sucher den Gast und lässt sich von ihm in Besitz
nehmen.
Lediglich Paolo wehrt sich mehr als alle anderen gegen den Einfluss
des Gastes. Als er eines Morgens Pietro und den Gast nebeneinander schlafen
sieht, stürzt er sich in einer Mischung aus Verzweiflung und Erregung auf
Lucia und wird kurz darauf krank. Im Bett liest er dann „Der Tod des Iwan Iljitsch“
von Tolstoi und fordert den Gast durch das Beispiel des kranken Iljitschs, der
von dem frischen Jüngling Gerasim umsorgt wird, programmatisch auf, ihn
zu pflegen. Von da an kann auch Paolo sich nicht mehr länger der Körperlichkeit
des Gastes entziehen.
Für die „Gastrolle“ als zärtlichster aller zärtlichen
Liebhaber konnte Pasolini mit Sixties-Ikone Terence Stamp keine bessere Besetzung
finden. Stamp führt die engelsgleiche Jugendlichkeit und Freundlichkeit
seiner berühmten Debütrolle „Billy Budd“ fort und erweitert sie durch
die reife Überlegenheit und dem aufmerksamen Ernst des Heiligen und Heilenden.
Von diesem Auftritt Gottes bleibt die Außenwelt unberührt.
Denn es ist, als rollt das Leben außerhalb des Villagrundstückes
unaufhaltsam weiter. Die Geräuschkulisse von fahrenden Autos, die regelmäßig
innerhalb und außerhalb des Hauses zu hören sind, deutet das wie
ein Echo der Außenwelt an. Allerdings währt das Liebesglück
der Fabrikantenfamilie nur kurz, und so unvermittelt der Gast erschienen ist
reist er auch wieder ab. Alle Familienmitglieder erkennen danach blitzartig,
dass ihr ganzes Leben bisher irreal war. Durch die Liebe zu ihrem Gast haben
sie die Realität kennen gelernt, die Realität der göttlichen
Liebe und ihrer selbst. Mit dieser Erfahrung können sie nun mit ihrer Irrealität
nicht mehr leben. Diese Irrealität und der Verlust dieser Liebe sind umso
schmerzlicher zu ertragen, da der große Rest der bürgerlichen Industriegesellschaft
völlig selbstverständlich mit dieser Irrealität lebt. „Ich habe
das Gefühl, ich bin für die Gesellschaft gestorben“, klagt Vater Paolo
in der Gewissheit, dass der Gast ihn nun verlassen wird. „Ein vollständiger
Verlust meiner selbst. Aber wie soll ein Mensch so leben, der gewöhnt ist
an Ordnung, an einen Zeitplan und vor allen Dingen an den Besitz.“
Die Abfahrt des Gastes treibt folglich alle Beteiligten in eine Lebenskrise.
Die Geometrie ihres Lebens, ihre Ordnung und Konformität bricht komplett
zusammen. Sie können mit ihr nichts mehr anfangen, doch genauso wenig sind
sie imstande, ein neues Leben zu beginnen nach der Maßgabe der neu erfahrenen
Liebe. Jeder versucht auf seine Art den Verlust der göttlichen Liebe zu
kompensieren: Dabei gelingt es einzig Emilia mit ihrer Flucht aus dem großbürgerlichen
Haus einen Sinn zu finden: Sie kehrt in ihre bäuerliche Heimat zurück
und wandelt sich dort zu einer melancholischen, Wunder vollbringenden Heiligen.
Sie ernährt sich von Brennnesseln, erhebt sich der Levitation
gleich über die Dächer ihres Bauernhofes und lässt sich lebendig
begraben. Dabei entspringt aus ihren Tränen eine Quelle.
Den Familienmitgliedern gelingt es jedoch nicht, ihre Verlorenheit
zu überwinden, die der Gast bei ihnen hinterlassen hat. So versucht Odetta,
die Tochter, zunächst die Welt für sich wieder zu ordnen, indem sie
verbissen die Abstände der Gegenstände ihrer Umwelt mit dem Zentimeter
vermisst. Vergeblich. Sie verfällt dem Wahnsinn und verstummt für
immer. Die Mutter hurt herum und greift sich für schnellen Sex junge Männer
von der Straße ab. Der Sohn versucht sich an experimentellen Maltechniken,
von denen er weiß, dass sie keinen Wert besitzen. Trotzdem kämpft
er mit aller Macht darum, wenigstens den Anschein einer besonderen künstlerischen
Leistung zu wahren. Doch auch das misslingt. Dabei spricht er in seiner gescheiterten
Künstlerexistenz fast programmatisch aus, worin die bürgerliche Falschheit
und Fassadenkultur um ihn herum besteht: „Keiner soll erkennen, dass der Künstler
nichts Wert ist, dass er kein normaler Mensch ist. Minderwertig. Dass er sich
windet und kriecht wie ein Wurm, um leben zu können. Keiner darf ihm in
die Karten schauen und sehen wie harmlos er ist… Jeder muss glauben, dass seine
Technik eine künstlerische Entscheidung darstellt, eine sichere, erhabene, prachtvolle
Entscheidung. Keiner darf glauben, dass es sich dabei um eine Notlösung
handelt, weil ich nicht anders kann… Und keiner darf wissen, dass ein Bild nur
durch Zufall gut gelingt.“
Bleibt noch der Vater: Er verschenkt seine Fabrik, entkleidet sich
öffentlich auf dem Mailänder Hauptbahnhof und läuft nackt und
schreiend jenseits jeder Geometrie durch die Wüste. Mit diesem Schrei endet
der Film, der zugleich wie ein Schrei der Befreiung und ein Schrei der Verzweiflung
wirkt.
Der Besuch Gottes also, der alles und jeden mitreißt. Soweit
das pasolinische Theorem.
Gewiss, 1968 mögen homoerotische Gesten zwischen zwei Männern
für Kirchenleute des Vatikans noch eine Provokation gewesen sein. Doch
Bilder mechanischer Sexualität spart Pasolini komplett aus, sondern er
belässt es bei zarten Andeutungen. Bezeichnenderweise gewann Pasolini letztendlich
den Prozess gegen seinen Film. Mindestens genauso provokativ und zwar für
das bürgerliche Publikum war etwas Anderes: nämlich die bloßgestellte
Schwäche der bürgerlichen Figuren. Diese Schwäche drückt
sich in ihrem hemmungslosen, ja fast hysterischen Hunger nach Liebe und Zärtlichkeit
aus und entlarvt dadurch umso deutlicher die Hohlheit ihrer geometrischen Existenz.
Es ist eine Schwäche, die sich nach dem Abschied des göttlichen Liebhabers
noch verdoppelt. Denn Paolo, Lucia, Pietro und Odetta verlieren unaufhaltsam
ihre bürgerliche Fassung und Form. Ein derart kompromissloser Verfall erschüttert
das Selbstverständnis des Bürgertums nach Herrschaft, eine Herrschaft,
die - wie uns der französische Denker Pierre Bourdieu gelehrt hat – gerade
in der Hoheit über Form, Zeichen und Habitus besteht.
Trotz aller fast unterwürfigen Hingabe der Familienmitglieder
an ihren Gast zeichnet Pasolini das Bild einer unschuldigen Sexualität,
ja fast Sakralität des menschlichen Körpers; denn die Berührungen
sind rein und selbstverständlich, weil sie für die Familienmitglieder
zu einer Erlösung werden. Diese Erlösung durch die körperliche
Begegnung zu Gott verstand Pasolini als gleichnishaftes Ausdrucksmittel. Die
Erotik sollte in „Teorema“ das sichtbare Moment für die Liebe des Menschen
zu Gott sein. Eine Liebe, die sich jedoch nur außerhalb des dialogischen
Wortes ereignet. Deswegen läuft in „Teorema“ auch der weitere Verlauf der
Handlung fast wortlos ab. Damit Pasolini das an sich undarstellbare Liebesereignis
trotzdem darzustellen vermochte, hat er diese Liebe in die konkrete Sphäre
der erotischen Begegnung transportiert.
Pasolini verwendet hierbei häufig die subjektive Kameraperspektive.
Immer wieder fährt die Kamera den Körper des Gastes ab, erfasst alle
Details seiner Körpersprache und richtet häufig den Blick auf seinen
Schoß. Pasolini macht den Zuschauer damit zum Voyeur und drängt ihn
dazu, den erotisch-sehnsüchtigen Blick der Bewohner der Villa und ihre
Rolle als entfremdete und sinnentleerte Bürgerliche anzunehmen.
Überraschenderweise reagierte die Kirche nicht nur ablehnend
auf Pasolinis Konzept der sakralen Sexualität. Denn das Office Catholique
International du Cinéma zeigte sich begeistert und verlieh Pasolini beim
Filmfestival von Venedig den Internationalen Katholischen Filmpreis. Was für
ein hin und her! Es ist typisch für Pasolinis gesamtes literarisches und
filmisches Werk. Neben seinen zahlreichen Skandalen erzielte Pasolini trotzdem
auch immer wieder verblüffende Erfolge inmitten aller Kontroversen. Selbst
beim Vatikan. Für seine Bibelverfilmung "Das 1. Evangelium – Matthäus"
(1964) beispielsweise zollten ihm bei einer Vorführung im Vatikan das vornehmlich
aus Bischöfen und anderen katholischen Würdenträgern bestehende
Publikum 40 Minuten tosenden Applaus. Ausgerechnet ihm den katholischen Häretiker,
ihm den Kommunisten, der alles Bürgerliche hasste und immer wieder gegen
die Konsumgesellschaft kämpfte, ihm den konservativen Träumer von
der ländlich-bäuerlichen Idylle und Heiligkeit und ihm den Erotomanen,
der seine Homosexualität offen auslebte und in der römischen Vorstadt
jugendliche Stricher vernaschte. Ganz im Gegensatz zu den vielen katholischen
Würdenträgern, die im Verborgenen kleinen Jungen an die Wäsche
gehen und deren Sexualmoral Pasolini häufig anklagte. Diese Vielfalt seiner
Persönlichkeit und Anschauungen ist zwar bemerkenswert, doch sie erklärt
gleichzeitig, warum sein künstlerischer Weg einschließlich „Teorema“
eine ständige Abwehrschlacht war: Sein Wille, Gegensätze zu vereinen,
bot ihm nirgendwo eine weltanschauliche Heimat. Als fleischgewordenes Paradoxon
konnte er sich nicht der einen Seite zuwenden, ohne die andere Seite zu verprellen.
So konnten ihn seine Gegner unter den Bürgerlichen, unter seinen eigenen
Leuten den Kommunisten oder unter den Kirchenmännern, immer wieder leicht
durch den geistigen Dreck schleifen. Und genau in diesem Dreck endete Pasolini
schließlich, erschlagen mit einer Zaunlatte zwischen Schutt und Abfällen
als Opfer eines schmutzigen Strichermordes.
Es scheint, als hätte Pasolini „Teorema“ wie ein diskursanalytisches
Sammelalbum seiner gegensätzlichen Erlebniswelt gestaltet. Deshalb verlangt
dieser Film uns Zuschauern auch ein großes Vorwissen ab. Ohne Kenntnisse
über Pasolinis Biografie und Weltanschauung kann man „Teorema“ in seiner
Dichte nicht vollständig erfassen. Für so manchen pasolinisch unbeleckten
Zuschauer könnte der Zerfall der Familie sogar unfreiwillig komisch wirken:
Also, wie sieht das pasolinische Persönlichkeitsarsenal aus?
Da ist zuerst der Kommunist Pasolini, der in „Teorema“ drinsteckt. Pasolini
führt uns Menschen vor, die zunächst wie Fallbeispiele marxistischer
Anschauung erscheinen. Das naturalistische Quadrat, ein Kerngedanke des Marxschen
Humanismus, mit seinen Eckpunkten Individuum, Gesellschaft, Arbeit und Natur
steht bei ihnen nicht mehr im Gleichgewicht. Denn ihr Privateigentum hat sie
zu entfremdeten Egoisten gemacht, zu vereinzelten Wesen, die ihre ursprüngliche
Bindung zur Natur, zur Gesellschaft und zur Arbeit verloren haben.
Doch an dieser Stelle tritt der tiefgläubige Katholik Pasolini
auf und verknüpft marxistische Ideologie mit christlichem Gedankengut.
Für ihn ist im Gegensatz zu Marx die Religion kein Feind des Humanismus
– ganz anders als das Privateigentum. Denn die Begegnung mit dem Heiligen wird
zur Erlösung, zumindest vorübergehend. Während Lucia und die
Kinder in Neurosen und Wahnsinn verfallen, scheint für Paolo mit seinem
Gang in die Wüste wenigstens die Chance zu bestehen, die Geometrie seines
alten Lebensentwurfes zu verlassen. „Da ließ Gott das Volk den Weg in
die Wüste nehmen.“, lässt Pasolini eine Stimme im Off vor Beginn der
Spielhandlung verlauten als Begleitung zu einem Wüstensandbild. Dieser
Auftakt wird zu einem Leitgedanken des gesamten Films, denn Pasolini durchbricht
immer wieder den Erzählfluss durch eingeschobene Wüstensandbilder.
Die Wüste als das materialistische Nichts ist ein bekanntes religiöses
Motiv. Im Alten und Neuen Testament ist die Wüste zunächst ein Ort
der Prüfung. So wie für das Volk Israel auf ihrem Weg ins Gelobte
Land, in dem Milch und Honig fließt. Doch die Wüste ist auch ein
Ort der Stille, der Sammlung und Besinnung und der Konfrontation
mit sich selbst. Sie ist ein Ort der Gottesbegegnung. Wer in die Wüste geht, belädt sich nicht mit
unnützen Dingen. So wie bei Jesus, der nach dem 1. Evangelium des Matthäus – wir wissen,
von Pasolini einst verfilmt – bei seinem 40-tägigen Marsch durch die Wüste,
um den Versuchungen des Teufels zu widerstehen. Ob Paolo das gelingt, bleibt
offen. Deshalb schafft es als einzige die Magd Emilia als nicht-bürgerliche
Figur den Impuls der Begegnung mit dem Sakralen in christlicher Weise umzusetzen,
indem sie sich bei ihrer Rückkehr in ihre bäuerliche Heimat zu einer
Heiligen wandelt.
In dieser nicht-bürgerlichen Figur Pasolini den
Konservativen wieder. Emilia repräsentiert die unverbildete nicht-bürgerliche
Persönlichkeit, die ihre Wurzeln zur bäuerlichen Welt noch nicht verloren
hat. Pasolini, der sich selbst stets als Kraft der Vergangenheit charakterisierte,
sah in dieser bäuerlichen Welt geprägt durch seine Heimat Friaul in
Norditalien mit seiner uralten vorbürgerlichen und archaischen Zivilisation
immer etwas Heiliges. Für Pasolini ist das ländliche Leben das verloren
gegangene Paradies. Während der kapitalistische Fortschritt für ihn
die Ausbreitung kleinbürgerlicher Bildung bedeutet, die stets zum Unreinen
und zur Korruption führt, ermöglicht das archaische Leben des Bäuerlichen
einem noch das unverfälschte Leben. Denn dort lebt der Mensch noch im Einklang mit den Elementen. Er ist eins mit dem Wasser, mit der
Erde und mit der Luft. Eine Einheit, die Emilia mit ihrem Begräbnis wieder
herstellen kann. In der bäuerlichen Welt gibt es keine Falschheiten, keine
Mehrdeutigkeiten und kein Zwielicht. Dieses Leben macht noch eine unverfälschte
echte Liebe möglich. Denn die Sexualität in der Industriegesellschaft
ist nur Teil der Konsumwelt und nicht Teil einer identitätsstiftenden Liebe,
Teil eines Postulats der Persönlichkeit wie Pasolini sie sich wünscht.
Und hier kommt zuletzt noch Pasolini der Erotomane, der Verfechter der Sinnlichkeit
ins Spiel. Denn mit der körperlichen Begegnung der Familienmitglieder mit
dem Gast klagt er die entsinnlichten Lebensformen der gleichgeschalteten Konsumgesellschaft
an. Pasolini verbindet hierbei den erotischen Trieb mit dem religiösen.
Er verknüpft die Sinnlichkeit mit dem Sinn.
Diese thematische Vielfalt spiegelt sich zum Teil auch in der Wahl
der filmischen Mittel. So kombiniert Pasolini realistisch-soziologische Elemente
wie den Interviews mit den Fabrikarbeitern nach der Schenkung der Fabrik mit
mythischen Elementen wie dem Gast und der Wüste. „Teorema“ ist also der
Versuch Pasolinis, seine verzweifelte Sehnsucht zu verwirklichen: nämlich
das Weltganze in seiner Person zu integrieren, die Grenze zwischen Ich und Welt
zu durchbrechen und der Realität so nahe wie möglich zu kommen. Das
verleiht den Angriffen seiner Gegner auch bei diesem Film eine verständliche
Logik.
Doch auch heute noch gibt es immer wieder Kritiker, die lehnen „Teorema“
ab, nicht so sehr inhaltlich, sondern weil er wegen seiner Zeichendichte unkonsumierbar
und deshalb für das Massenmedium Kino ungeeignet sei. Doch das ist genau
der pasolinische Pudels Kern. Die Unkonsumierbarkeit von
„Teorema“ ist Teil der Anklage. Denn als Protest gegen die materialistisch gottlose
Welt mit ihrem Konsumismus muss „Teorema“ unkonsumierbar sein. Nicht umsonst
hatte Pasolini auch seine Kunst in dieser Schaffensperiode der späten Sechziger
Jahre als Elite-Kunst verstanden, in der die Zuschauer keine Zerstreuung finden
sollten. Vielmehr sollten sie seinen Werken die gleiche Aufmerksamkeit schenken,
die er als der Künstler seinen Werken gewidmet hat. Wenn man preußische
Arbeitsethiken als Maßstab anstellt, dann könnte man jetzt Folgendes
sagen: Der Spaß liegt nicht an dem Konsum, sondern an der Erkenntnis,
die man sich durch die Dekodierung der Zeichen erarbeitet. Schade nur, dass
diese Erkenntnis bei „Teorema“ so niederschmetternd ist, da sie auf einen selbst
zurückfällt. Denn wer kann schon von sich behaupten dass er kein unterworfenes
Mitglied der Konsumgesellschaft ist.
So ist es kein Wunder, dass Pasolini bis heute kaum von der Popkultur
verwurstet worden ist - zumindest von der Popkultur, die darin besteht, Zeichen
zu fragmentieren und Kultur in einen Kult zu zerstückeln. Doch Pasolinis
Werke wie „Teorema“, oder auch sein Jahrhundertfilm der Gewalt „Die 120 Tage
von Sodom“ lassen sich nicht verhackstücken. Man kann sie nur ganzheitlich
betrachten.
Weitere Kritiker könnten jetzt sagen, das alles ist doch nichts
Besonderes mehr. „Teorema“ mit
seiner Romantik für das Ländliche oder mit der psychosexuellen Befreiung
einer großbürgerlichen Familie ist der Fantasie eines ideologischen
Anachronisten entsprungen, der uns mit seinem Film freudomarxistisches Altzelluloid
aus den Sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts anbietet. Ab in den intellektuellen
Sondermüll damit. Mit dem ideengeschichtlichen Digitalformat der heutigen
Zeit hat das nichts mehr zu tun. Doch ist das wirklich so? Sicher, Pasolini
bezieht sich mit „Teorema“ auf die Auswirkungen des Neokapitalismus im Italien
Ende der Fünfziger Jahre und Anfang der Sechziger Jahre. Für ihn bedeutete
dieser Neokapitalismus die Ausbreitung des Konsumfaschismus, der die italienische
Gesellschaft zerstört, weil er mit seiner Warengleichschaltung die verschiedenen
Arten des Menschseins auslöscht. Nach seiner Auffassung besteht zwischen
der alten Welt, der menschlichen und religiösen wie der bäuerlich
archaischen Welt, und der neuen Welt, der materialistischen und gottlosen wie
die Welt der Fabrikantenfamilie, ein Kampf, der mit der Zerstörung der
alten Welt endet. Für die alte Welt gibt es dabei keine Rettung und jeder,
der so wie Pasolini selbst Teil dieser alten Welt ist, wird mit ihr untergehen.
Die Zerstörungskraft der materialistischen Konsumwelt erfasst dabei auch
das individuelle Dasein der römischen Vorstädte des Subproletariats,
die Borgate, die Pasolini wegen ihrer lauten und gewalttätigen Körperlichkeit
so faszinierte. Pasolini sprach deshalb von einem anthropologischen Völkermord.
Doch hat sich etwas an diesem anthropologischen Völkermord geändert?
Im Grunde nichts. Denn der neoliberale Turbokapitalismus führt das fort,
was Pasolini in seinem Italien der Fünfziger und Sechziger Jahre als Folgen
des damaligen Neokapitalismus beobachtete: Sie zerstört die menschliche
Vielfalt und verfestigt ein gleichgeschaltetes Warenbewusstsein und damit den
pasolinischen Konsumfaschimus. Mit modernster Technologie wie Satelliten, Kabel,
Internet, MP3-Player, DVD und MTV wird beispielsweise durch die Unterhaltungskonzerne
die Weltkultur homogenisiert. Dabei erreichen sie auch die entlegensten lokalen
Gemeinschaften.
Müsste deshalb die Verwandlung der Welt in Waren und somit die
Ausbreitung bürgerlicher Zeichen nicht auch die von „Teorema“ formulierte
Geometrie der Liebe herbeiführen? Zumindest nach den Maßstäben
Pasolinis? Zweifellos. Denn die stetig zunehmende Kommerzialisierung von Liebe
und Sexualität hat bekanntlich ihre Banalisierung zur Folge. Pasolini würde
das die Entsinnlichung des Lebens nennen.
Dennoch: So sehr sich Pasolinis Gesellschaftsanalysen auch bestätigt
haben. Sein Theorem, dass der Besuch Gottes der Einbruch der Realität in
die Irrealität des Bürgerlichen bedeutet, lässt
sich mathematisch nicht beweisen. Obendrein wissen wir nicht, ob die Repräsentanten
des Kapitalismus, wenn sie die göttliche Liebe mit all ihrer Sinnlichkeit
erfahren, im materialistischen Nichts der Wüste ihre Entfremdung überwinden
und bei der Sinnsuche sich selbst begegnen können. Man müsste mal
im Neuen oder Alten Testament nachlesen, ob es ein derartiges Gleichnis gibt.
Doch selbst wenn man eines findet, ein Beweis wäre das dennoch nicht. Es
sei denn, es passiert ein Wunder und eine Gottheit erscheint, damit sich Pasolinis
Theorem realisieren kann.
Malte Krüger
Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte
Teorema
- Geometrie der Liebe
TEOREMA
Italien
- 1968 - 97 min. - teils schwarzweiß - Verleih: Die Lupe - Erstaufführung:
27.11.1968/4.4.1972 ARD - Produktionsfirma: Aetos - Produktion: Franco Rossellini,
Manolo Bolognini
Regie:
Pier Paolo Pasolini
Buch:
Pier Paolo Pasolini
Vorlage:
nach seinem Roman
Kamera:
Giuseppe Ruzzolini
Musik:
Ennio Morricone, Wolfgang Amadeus Mozart
Schnitt:
Nino Baragli
Darsteller:
Terence
Stamp (Der Besucher)
Silvana
Mangano (Lucia, die Mutter)
Massimo
Girotti (Paolo, der Vater)
Anne
Wiazemsky (Odetta, die Tochter)
Andres
José Cruz (Pietro, der Sohn)
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