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Time
of the Gypsies
Die
Seele eines Truthahns, bspw.
Je überschießender, desto
wahrer: »Time of the Gypsies«, der neue Film des jugoslawischen
Regisseurs Emir Kusturica, zeichnet trotz allen Kunstaufwands ein gänzlich
ungekünsteltes Bild vom Leben und von den Träumen der slowenisch-kroatischen
Roma
»Gott kam auf Erden, sah die Zigeuner
- und nahm den ersten Flug zurück«: Baba, die 1-Zentner-Oma (unvergeßlich:
Llubica Adzovic), läuft in diesem bemerkenswerten jugoslawischen Film zu
mythologischer Höchstform auf, wenn die Not am größten ist,
beispielsweise das Haus von einem Kran auf den Haken genommen wurde, Blitze
zucken und Regen auf das freigelegte Interieur prasselt. Mangels Anwesenheit
höherer Mächte fordern Katastrophen - und die gehören zum Alltag
der slowenisch-kroatischen Roma - lediglich dazu auf, sich der eigenen Macht
zu versichern. Also hört man Baba zu, macht sich den eigenen Glauben und
hebt die Grenzen zwischen Traum (»Fata Morgana«) und Wirklichkeit
auf.
Wenn etwas Übernatürliches hoch
am Himmel flattert, dann ist das natürlich nur der Truthahn des jungen
Perhan, sein Spielgefährte, wir haben ihn längst kennengelernt. Beide
hockten einander gegenüber, fixierten sich, und wenn der eine die Ellbogen
hob, spreizte der andere die Flügel. Es war eine sehr intensive Beziehung
gewesen, die leider damit endete, daß einer der beiden (der Truthahn)
im Kochtopf schmorte. Wieder eine Katastrophe, diesmal von kannibalischem Format.
Denn hatte nicht in diesem Geflügel ein Roma-Vorderer fortgelebt? Die Realität
mußte darüber so außer Fassung geraten, daß sich mit
Recht die Frage stellte, ob nicht wir eine Fata Morgana sind und die Wirklichkeit
gottweißwo ist. Perhan, der Zigeunerjunge, kennt sich jedoch in dem unübersichtlichen
Grenzgebiet zwischen Wirklichkeit und Traum aus, er bezieht daraus seine emotionale
Stärke, während sein Vetter, auf Besuch aus Deutschland (»Deutschland
ist meine Heimat«), sichmit einem Gastarbeitertraum zufriedengeben muß
und nur noch imstande ist, im Schlaf Zahlen auf deutsch zu memorieren: 4 - 3
- 2 - 1, aber das zwölfmal hintereinander.
Höchste Zeit, die Filmfabel zu erzählen.
Aber wer rekurriert schon aufs Libretto, wenn von einer Oper zu berichten ist?
Denn den ebenso überwältigenden wie hoffnungsvollen Eindruck des Gesamtkunstwerks
»Time of the Gypsies« machen Kunst und Metaphorik seiner Bild- und
Ton-(Musik-)Sprache. Sie übertragen einen Energiestrom und lösen die
Fesseln des alltäglichen Einerleis ... Der Kopf wird wieder frei zu neuen
Taten ...
Und die Euphorie macht eine Bauchlandung.
- Wie wär’s mit folgender Vita: Emir Kusturica, 1955 in Sarajewo geboren,
war der jugoslawischen Öffentlichkeit zunächst nicht als Filmregisseur,
sondern als Fußballprofi bekannt (übers Kicken in Ljubljana und Umgebung
fand er auch Zugang zur einheimischen Roma-Welt der »Time of the Gypsies«).
Als 21jähriger dreht er seinen ersten TV-Film über den spanischen
Bürgerkrieg (»Guernica«). 1985 gewann er in Cannes die goldene
Palme für seinen Film »Papa ist auf Dienstreise« (dessen Hauptdarsteller
Davor Dujmovic spielt in »Time of the Gypsies« die Rolle des Truthahnfreundes
Perhan). Hollywood winkte: Nominierung für den Golden Globe und für
den Oscar. Doch Kusturica winkte ab: Er wurde Bass-Gitarrist der Punk-Gruppe
»No Smoking«. Kusturica: »Ich will nicht nach einem industriellen
Prinzip arbeiten. Mir bereitet etwas Schwierigkeiten, was anderen offensichtlich
nicht so schwer fällt: einen Grund zu haben, einen Film zu drehen, und
das kann ich nur, wenn es für mich ein dringendes Bedürfnis gibt.
Bei ‘Time of the Gypsies’ war das der Fall«. - 1989 wurde diese Einstellung
in Cannes mit dem Preis für die beste Regie (»Time of the Gypsies«)
belohnt. Aber heute ist er doch in den USA. An der New Yorker Columbia Universität
hat er einen Lehrauftrag für Filmregie angenommen, und mit Jerry Lewis,
Faye Dunaway, Johnny Depp und Tom Waits dreht er gerade den Film »Arroteeth
Halibut«. - Wir sind damit nicht weg von der Zeit der Zigeuner, sondern
mittendrin, denn:
Perhan, der Zigeunerjunge, hat sich längst
an Orson Welles ein Beispiel genommen. Vor einem Kinoplakat imitiert er die
Haltung des genialen Zigarrenrauchers und pafft bald nicht minder eindrucksvoll.
Er braucht Geld, um die Mitgift für die schöne Azra (Sinolicka Trpkova)
aufzubringen. Hierfür ist das kapitalistische Ausland zuständig. Der
unglücklich Verliebte verläßt die armselige, aber intakte Heimat
und schließt sich einer in Mailand operierenden Kinderbande an, die von
Ahmed Dzid (Bora Todorovic) - Goldkette, weißes Jackett, Hut - geführt
wird. Wohnungseinbrüche, professionelle Bettelei, Babyhandel, Prostitution,
Gewalt: Sind das die Roma im Ausland? Die Zigeuner-Gang beutet aus, wie sie
ausgebeutet wird. Aber Perhan hat die Kraft behalten, sich die Wirklichkeit
zurechtzurücken. Oder, wie man es altmodisch ausdrücken könnte,
Wunder zu tun. In Rom spendet der Papst Segen - urbi et orbi. Doch was der kann,
kann Perhan längst. Sozusagen truthahnmäßig herbeifixiert, trifft
er neben dem Brunnen, in welchem gerade die Touristenmünzen zusammengefegt
werden, seine 13jährige Schwester (die ebenso alte Elvira Sali macht aus
den wenigen Szenen eine Hauptrolle), die er belogen und verraten hatte. Zeit
zur Umkehr. Perhan, vier Jahre älter und inzwischen selbst Gangsterboß,
bricht seine einträgliche, aber verräterische Karriere ab. Die Zeit
der Anpassung ist vorbei, denn »seit ich mich selbst zu belügen begann,
glaubte ich keinem Menschen mehr«. Jetzt glaubt er wieder an Gabel und
Messer, die er durch schiere Willenskraft auf Reisen schicken konnte. Damals
fand Oma Baba diese Kunst zwar schön, aber unnütz. Jetzt trifft das
telekinetische Besteck die Halsschlagader eines Oberschurken.
Ja, was in diesem wundersam durchkomponierten
Erziehungsroman zu Tränen rührt und zum Lachen reizt, ist der Glaube
an die Unfehlbarkeit der auf die Reise geschickten Gabel. Selbst im Tod kann
der Zigeunermensch noch erhöht werden, nämlich ca. drei Fuß
über dem Erdboden schweben, - wenn es denn einer will. Selbst der Truthahn
schafft diese Höhe, und das Geflügel, das
aller Orten durch den Film huscht, macht vor, wie man abhebt. In »Time
of the Gypsies«, in dem Opfer nicht erniedrigt, sondern erhöht werden,
herrscht infolgedessen eine biologisch begründete Euphorie. Diese wird
freilich nicht von den französischen Roma- und Sinti-Verbänden geteilt,
die dem Film mangelnde Repräsentanz vorwarfen. Ein Zigeuner, der dort in
die Gesellschaft integriert ist, das mag sein, »ist so nicht«. Aber
wie geht man mit Kräften und Emotionen um, die nicht integrierbar sind
und deren man nicht verlustig gehen möchte? Kusturicas dokumentarisch gesättigtes
Epos führt uns auf verlockende Weise vor, wie Nicht-Integrierbares - sagen
wir: eine Utopie - nicht nur gewünscht, sondern gelebt werden kann. Freilich
benötigen wir hierfür über eine schlüssige Beweisführung
und wissenschaftliche Argumentation hinaus etwas mehr, nämlich ein Bild
oder ein Lied, in dem wir expressiv werden können. Die magischen Realismen
des Films »Time of the Gypsies« sind da ein Angebot. Perhan und
seine Sippe sind auf Du und Du mit etwas, was uns unbekannt ist - mit der Seele
eines Truthahns zum Beispiel. Das scheint mir viel einladender zu sein, als
die Forscherdistanz einzuhalten - etwa gegenüber Schamanen in einem fremden
Land.
Wenn Perhan, statt die Lage zu analysieren
und den Handlungsbedarf zu eruieren, in der Stunde höchster Not zum Akkordeon
greift, dann entgeht er der Verzweiflung im Lied. Der Film ist in diesen Szenen
Musik, so wie er in jenen poetischen Bildern seinen stärksten Ausdruck
findet, die vorsätzlich die Grenzen des Dokumentarspiels verlassen. Dann
öffnet sich der Horizont vor dem Schlamm und Schnee der armseligen Häuser,
und auf dem Fluß treibt eine magische Prozession züngelnder Flammen,
während die Gläubigen sich rituell im Fluß waschen. - Gewiß,
die Roma kamen aus Indien. Die Kraft dieser Bilder besteht jedoch darin, daß
sie dies nicht zum Ausdruck bringen, sondern schlicht expressiv sind. So beschränken
sie sich nicht darauf, Aussagen zu treffen; mit ihrem offensichtlichen Überschuß
laden sie zum Spiel ein, das gesellschaftliches Leben einübt.
Was also lehrt uns dieser Film? Erstens,
daß das Verdikt über »Verfall und Ende« unseres öffentlichen
Lebens (Sennett) nicht unabänderlich ist. Zweitens, daß die Befolgung
von Lehren nicht das Mittel ist, sich der eigenen Expressivität wieder
zu versichern. Es ist daher zwar unangebracht, sich in Spekulationen über
die gesellschaftliche und ästhetische Funktion dieses Films zu verbeißen.
Aber wie sollte man sonst - in Worten - zum Ausdruck bringen, daß »Time
of the Gipsies«, der sich mit einer marginalen Gruppe beschäftigt,
durch Bilder und Töne etwas grundsätzlich Neues entwirft, das allgemein
gültig zu werden verspricht?
Kusturica, der zusammen mit Gordan Mihic
das Drehbuch für »Time of the Gypsies« schrieb, vermeidet strikt
jede essayistische Reflexion. Er beklagt nicht die emotionale Depravation des
slowenischen Gastarbeiters, der deutsch träumt und daher nur noch rückwärts
zählen kann. Er läßt statt dessen
die Roma-Oma sagen: »Laß mich träumen«, wenn jeder Deutsche
ihr sofortiges Handeln anempfehlen würde, und dann kommt der Roma-Traum,
der alles andere als regressiv ist und der eine Wirklichkeit schafft. Was also
passiert, wenn Danira, die verkrüppelte Dreizehnjährige, im Hospital
von Ljubljana träumt: »Beine wie von Marilyn Monroe«? Die Antwort
kommt etliche Sequenzen später, sie lautet: »Die Frau mit dem Silberzahn
ist Opfer des Wolfes«, und das ist überhaupt keine Antwort, sondern
ein zweiter Traum. Daß geträumt und daraus Kraft geschöpft werden
kann, ist die Antwort des Films. - Um naheliegenden Mißverständnissen
vorzubeugen: Das Traumbild (im Jugoslawischen: Fata Morgana) hat durchaus nichts
mit bürgerlichem Eskapismus zu tun. Wenn, sagen wir, der Schleier der unglücklichen
Braut mit rätselhaftem Eigenantrieb durch die Bilder gleitet, könnte
man zwar das poetische Zuviel mit heimischer Sentimentalität füllen.
In der Wiederholung dieses Bildes manifestiert sich jedoch gleichzeitig eine
vitale und ungezügelte Emotionalität, die sich von dramaturgischen
Standards nicht bremsen läßt. Wenn geschluchzt wird, dann hemmungslos,
und wenn das komisch ist, darf gelacht werden, ebenso hemmungslos. Tränen
und Gelächter sind nicht nur erlaubt: Sie sind die äußersten
Grenzen dieser trotz allen Kunstaufwandes gänzlich ungekünstelten
Veranstaltung, die »Time of the Gipsies« heißt.
Wenn man von diesem Film sagen kann, daß
seine Bilder und Töne im Gedächtnis überdauern werden, so liegt
dies daran, daß sie nicht frei flottieren, sondern eine menschlich und
gesellschaftlich definierte Basis haben. Regisseur Kusturica, der neun Monate
lang mit den slowenisch-kroatischen Roma zusammenlebte und in dieser Zeit mit
den Laiendarstellern dokumentarisches Material drehte, brauchte anschließend
noch einmal sechs Monate, um in der Film-Montage die Struktur der Inszenierung
zu finden. Doch »Time of the Gypsies« blieb - je überschießender,
desto wahrer - die Geschichte der Zigeuner aus Kusturicas Geburtsstadt, über
die die Zeitungen berichtet hatten.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: Konkret 08/1991
Time
of the Gypsies
DOM
ZA VESANJE
Jugoslawien
- 1989 - 141 min. - Verleih: Die Lupe (Erstverleih: Impuls) - Erstaufführung:
15.8.1991/10.1.1995 ZDF (teilweise untertitelt)/17.9.1998 Neustart - Produktionsfirma:
Forum/Television of Sarajevo - Produktion: Mirza Pasic
Regie:
Emir Kusturica
Buch:
Emir Kusturica, Gordan Mihic
Kamera:
Vilko Filac
Musik:
Goran Bregovic
Schnitt:
Andrija Zafranovic
Darsteller:
Davor
Dujmovic (Perhan)
Bora
Todorovic (Ahmed)
Ljubica
Adzovic (Baba, die Großmutter)
Husnija
Hasimovic (Onkel Merkzan)
Sinolicka
Trpkova (Azra)
Zabit
Memedov (Zabit, der Nachbar)
Elvira
Sali (Danira)
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