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Timetrip
- Der Fluch der Wikinger-Hexe
Ist doch seltsam: Ausgerechnet das Zeitmaschinendesign ist deutlich
dem Zeitgeist unterworfen. Um die Jahrhundertwende wurde ein jugendstilhafter
Riesenschlitten bevorzugt („Die Zeitmaschine“ 1960/2002), und in den 1980er-Jahren sieht der Transporter wie
ein Sportwagen aus („Zurück in die Zukunft“, 1985). Neuerdings tut’s eine an sich unscheinbare Kabine, deren
Inneres nach dem Einschalten ätherisch-blau zu leuchten beginnt und die
Passagiere auf Lichtgeschwindigkeit hochschleudert, wie es keinem Wäschestück
zuträglich wäre. Physikprofessor Benedict hat den computerbetriebenen
Riesenmixer konstruiert, aber noch nicht ausprobiert. Eigentlich darf niemand
von dem Apparat wissen. Schon gar nicht die Grünschnäbel von der 10.
Schulklasse, die zur Exkursion ins Forschungszentrum gekommen sind. Eine Pflichtübung
für den Physiker, der „E=mc²“ an der Tafel notiert hat. „Eine Zeitmaschine
ist theoretisch möglich, aber praktisch noch nicht machbar“, lügt
Benedict. Den Vortrag hat die Lehrerin Louise gebucht, die sich in den gut aussehenden
Wissenschaftler verguckt hat. Theoretisch möglich? Hätte ihr der mürrische
Professor nicht den Kopf verdreht, fiele der jungen Studienrätin vielleicht
eine skeptische Frage während des Vortrags ein. Oder hat sie nichts von
den Temporalen Paradoxien gehört, die mindestens dem Rückwärtsgang
in die Geschichte entgegenstehen? Kennt doch jedes Kind: Steige in die Zeitmaschine,
bringe deinen Großvater um – und du hast nie gelebt.
Mit quantenmechanischen Spitzfindigkeiten will sich der dänische
Regisseur Mogens Hagedorn in seinem Spielfilmdebüt nicht herumschlagen.
Verständlicherweise. Zuletzt bombardierte Robert Schwentke mit seiner Filmromanze
„Die Frau des Zeitreisenden“ das Publikum mit lauter Paradoxien aus dem Spannungsbogen.
Und Marty McFlys regelwidriges Herumzappen in Zeit und Raum funktioniert wohl
nur aufgrund des irrwitzigen Tempos, das Robert Zemeckis in seiner „Zurück
in die Zukunft“-Trilogie einlegt. „Timetrip – der Fluch der Wikinger-Hexe“ schaltet
da einen Gang zurück. Das Tempo passt zu dem dänischen Geschwisterpaar
aus der Jetztzeit, das im Mittelpunkt des Abenteuers steht. Valdemar und Schwesterchen
Sille sind allein zuhaus, weil die Eltern für ein paar Tage verreist sind.
Vor allem Sille ist eher der nachdenkliche Typ. Eine Leseratte, die offenbar
einfach nicht dazu kommt, sich um Freunde zu bemühen. Ihr großer
Bruder Valdemar, auch er verzagter, als es sein Gehabe vermuten lässt,
lässt Sille im Einfamilienhaus sitzen, während er mit zwei Freunden
eine Spritztour mit Papas Audi unternimmt. Der Ausflug endet mit einem Blechschaden.
Valdemar braucht dringend Geld, um das Auto reparieren zu lassen. Der außerschulische
Unterricht in der Forschungsanstalt scheint die Rettung zu sein. Warum? Weil
der Quantenexperte Benedict Geld im Überfluss hat, eine ungetestete Zeitmaschine
und ein gewaltiges Problem.
Ziemlich umstandslos – und diese erzählerische Chuzpe ist
das Schöne am „Timetrip“ – werden Valdemar und das Kinopublikum mit der
„dunklen“ Vergangenheit des attraktiven Physikers Benedict konfrontiert: Im
10. Jahrhundert nach Christus geboren, lastet auf ihm der Fluch ewigen Lebens.
Einst flog eine durchaus reizvolle Hexe auf ihn. Wie Isolde ihren todwunden
Tristan, rettete die Hexe den schwerverletzten Kriegsheimkehrer – allerdings
aus recht eigensüchtigen Motiven. Überleben heißt dann unpraktischerweise
ewig leben. Die Vergangenheits-Schiene des Films konzentriert sich, grob gesagt,
auf Dänemarks Herrscher verschiedener Epochen, auf Königsmorde und
den Kampf zwischen heidnischer und christlicher Religion. Die (ebenfalls unsterbliche)
Zauberin und Benedict, Erzfeinde inzwischen, mischen sich immer wieder in die
Konflikte der jeweiligen Zeit ein, wobei der dänische Ahasverus Benedict
auf der Seite der Könige steht. Geschildert werden Episoden aus dem Leben
des Wikingerkönigs Harald Blauzahn (10. Jahrhundert), sowie Waldemars des
Großen (1131-1182) und Erik V. Klipping, der 1286 ermordet wurde. Im Film
fällt die historische Figur der Wikinger-Hexe zum Opfer.
Ohne den pädagogischen Aspekt überzustrapazieren, könnte
man „Timetrip – Der Fluch der Wikinger-Hexe“ als Geschichtsunterricht im Gewand
eines packenden Abenteuerfilms bezeichnen. Der Abenteurer ist Valdemar, der
in die Zeitmaschine steigt, die Benedict in einem Geheimraum seines Institutsbüros
versteckt hält. Der Auftrag: Der Junge muss ein Kruzifix, einen Kettenanhänger,
finden, von dem die Zauberin einst die dazu gehörige Jesusfigur löste.
Wenn Christus und das Kreuz wieder zusammenkommen, kann Benedict endlich ein
normales Leben führen und alt werden. Der Physiker und gebürtige Wikinger
selbst darf sich in der Vergangenheit nicht begegnen (somit etabliert der Film
denn doch eine Zeitreise-Grundregel), und während Waldemar sich allein
für die gebotene Summe in die futuristische Apparatur begibt, ist es Sille
– sie lässt sich vom zweiten Trip an ebenfalls in die Vorzeit schleudern –
die Selbstlosigkeit, Verantwortung und Wagemut zeigt. „Timetrip“ handelt nicht
zuletzt vom Reifeprozess Valdemars, ein Coming-of-Age, an dem seine Schwester
entscheidenden Anteil hat. Auch diese humanistische Komponente der Handlung
wird von Originaldrehbuch (Ina Bruhn) und Regie ganz unsentimental entwickelt.
Die etwas gedämpfte Gangart des Films wirkt nach zahllosen überdrehten
Teenie-Klamotten aus den USA wohltuend, und vielleicht ist es gerade dieses
entspannte Zeitmanagement, das die aktionistischen Höhepunkte in ihrer
Wirkung steigert.
Der Showdown findet in der Gegenwart statt. Es gibt noch einen
letzten, zynischen Dialog zwischen dem Ex-Paar. Neben den jugendlichen Geschwister-Darstellern
bleibt das Wikingerduo Jakob Cedergren und Stine Stengarde über alle
Zeitalter und Kostümwechsel hinweg glaubwürdig, wobei die alterslose
Hexe in der Gegenwart ihren herrlich-verzicktesten Auftritt als misslaunige
Architektin eines Heimatmuseums hat, in welchem das gesuchte Kruzifix aufbewahrt
wird (Die Kids hätten sich die riskanten Zeittrips also eigentlich sparen
können). Damit verliert die Hexenfigur zwar etwas an Glaubwürdigkeit –
warum sollte ausgerechnet sie Benedict, Valdemar und Sille das rettende Objekt
„vor die Nase halten“? – aber das rasante Finale wird damit nicht ausgebremst.
Augenzwinkernde Randnotiz: auch ein Double der bekanntlich kettenrauchenden
Dänenkönigin Margarethe (deren Ahnen eine wichtige Rolle im Film spielen)
nimmt an der Eröffnung des Museums teil, die in einer souverän inszenierten
Verfolgungsjagd mündet. Logisch, dass die Geschichte ganz im Sinne Benedicts
ausgeht, der im Gegensatz zum unsterblichen Fliegenden Holländer eher lebenshungrig
denn lebensmüde wirkt. Merke: Ewiges Leben, ewige Langeweile. Nur wer um
seine natürlichen Grenzen weiß, kann richtig durchstarten. Und endlich
klappt’s auch mit der Lehrerin.
Jens Hinrichsen
Dieser Text ist, in gekürzter Form, zuerst erschienen in: film-Dienst
Timetrip
- Der Fluch der Wikinger-Hexe
Dänemark
2009 - Originaltitel: Vølvens forbandelse - Regie: Mogens Hagedorn Christiansen
- Darsteller: Jonas Wandschneider, Clara Maria Bahamondes, Jakob Cedergren,
Stine Stengade, Puk Scharbau - FSK: ab 6 - Länge: 90 min. - Start: 27.5.2010
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