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Topjob – Showdown
im Supermarkt
Vom
Sollen Müssen
Steve Conrads "Topjob - Showdown
im Supermarkt" ist eine herzzerreißend traurige Hollywood-Komödie
über zwei Männer, die nach oben eher müssen als wollen und nicht
wissen, wie ihnen geschieht.
"Donaldson's" ist eine US-Supermarktkette
wie andere auch. Die Filiale, in der Doug Stauber (Seann Scott Williams) Assistent
der Marktleitung ist, unterscheidet sich nicht von anderen Filialen. "Angestellter
des Monats", der Meckerkasten für Lob (selten) und Tadel (häufig),
der Parkplatz davor, auf dem schwarze Jugendliche abhängen, Kunden belästigen,
aber selber auch Kunden sind und sich vom in warngelbe Shirts gekleideten unmotivierten
Sicherheitspersonal nicht vertreiben lassen; Leistungsziele, der Zwang zur Freundlichkeit,
die Sauberkeit der Regale und Gänge, der trostlose Raum, in dem man mit
den Kollegen, die einen mit Freuden verarschen, die Pausen verbringt. Alles
ganz furchtbar und also ganz normal.
Doug Stauber, der von der Tonspur so aufgeräumt
zu uns spricht, will da keineswegs raus. Der Supermarkt, das Supermarktleben
ist seine Welt. Die berufliche jedenfalls, denn es gibt da noch seine Frau Jen
(Jenna Fischer) und die eigenen vier Wände. Allerdings hört man durch
eine dieser Wände immer den banjospielenden Nachbarn, der, wenn ihm danach
ist, ungefragt seinen Senf zum Sex-Talk der beiden gibt. Ein eigenes Haus: das
wäre ein Traum. Jen arbeitet auch, als in der Hierarchie auch nicht weit
oben angesiedelte Assistentin in einem Krankenhaus. Ihr Chef rettet das Leben
von Kindern und redet unter Jens bewundernden Blicken gerne darüber. So
tief sieht er Doug unter sich, dass er keine Notwendigkeit sieht, sich dessen
Namen zu merken.
Demütigungen, wohin man blickt. Aber
Doug nimmt die Dinge, wie sie nun einmal sind. Die Idee, dass sie anders sein
könnten, kommt ihm erst gar nicht. Er schluckt runter, was er runterschlucken
muss, kleine Akte des unwillkürlichen Widerstands sind ihm sofort peinlich.
Er duckt sich, wo er sich ducken muss und er entwickelt etwas wie Ehrgeiz, wo
eine Art Ehrgeiz von ihm verlangt wird. Kurz gesagt: Der Mann will nach oben.
Er will hoch hinaus. Er will die Leitung einer entstehenden Donaldson's-Filiale
übernehmen. Seiner Frau erzählt er im Übereifer, er habe den
Job, obwohl er ihn längst noch nicht hat. Der Ehrgeiz, den er nicht hat,
von dem er aber weiß, dass er ihn unbedingt haben sollte, spricht aus
ihm. Doug ist unter der aufgekratzten Oberfläche so passiv, dass er sich
nicht einmal zum Subjekt der von ihm strikt erwarteten eigenen Wünsche
machen kann. (Spätestens hier wird einem die Außerordentlichkeit
dieser "Komödie" klar: In welchem Hollywood-Film hätte man
je eine derart glasklare Analyse eines konkurrenzgesellschaftlich geforderten
Begehrens gesehen, das dem Helden von außen als gefälligst zutiefst
inneres angetragen wird?)
Alles wäre im Rahmen dieser Voraussetzungen
trotzdem irgendwie gut, käme Doug da nicht Richard Wehlner (John C. Reilly)
in die Quere. Unversehens taucht er aus Kanada auf. Mit dabei seine Frau, eine
Schottin (Lili Taylor, die im Original eine hinreißend komische Karikatur
des schottischen Englisch spricht). Und natürlich bewirbt sich auch Richard
um den ausgeschriebenen Supermarktleiter-Topjob. Alles aber kommt in dieser
herzzerreißend unkomischen Komödie anders als man denkt. Denken könnte
man: Es gibt jetzt Hauen und Stechen, den Kampf der Bewerber bis aufs Messer.
Man sieht schon: Steigerungslogik, menschlich viel Fieses, der eine Mann wird
in der Konkurrenzsituation des anderen Mann Wolf.
Aber nein. Richard, der Drogenprobleme
hinter sich hat, ist ein Netter. Immer hört er auf dem Weg von der und
zur Arbeit personalisierte Motivations-CDs, in denen mit Computerstimme sein
Name eingefügt ist. Der kleine Mann im Ohr meint ihn wie Tausende andere,
wenn er sagt: Du bist ein Individuum, du sollst es sein. Diese Einflüsterungen
sind dringend nötig, denn auch Richard ist im Grunde recht ehrgeizlos und
will nicht mehr, als sein Leben halbwegs auf die Reihe und dieses kleine Schiff
in der Flasche - Allegorie eines sehr begrenzten Weltbezugs - einigermaßen
aufrecht hingestellt kriegen.
Zwei, die den "Topjob" eigentlich
gar nicht wollen, aber einander auf Anhieb ziemlich mögen, sehen sich nun
genötigt, der eine dem anderen das Leben zur Hölle zu machen. Mit
Ach und Krach und unendlich viel schlechtem Gewissen kriegt Doug das hie und
da hin - Richard dagegen scheitert, weil er zu indolent oder zu gut ist, auch
daran. Doug lässt Richard bei einem Motivationstraining mit Glühende-Kohlen-Lauf
mit Absicht ganz schön dämlich aussehen. Und er denunziert ihn beim
Bewerbungsgespräch vor den von außerhalb angereisten Supermarktketten-Managern.
Darauf folgt dann übrigens die schönste, die traurigste, die entsetzlichste
Szene des Films. Richard hat sich für ein vulgäres Wortspiel zu entschuldigen.
Als Häufchen Elend sitzt er vor den versammelten Bossen. Er macht leise,
absurde und von ihm in ihrer Absurdität auch auf der Stelle erkannte Anstrengungen,
sich zu rechtfertigen. John C. Reilly, ein Genie der unterspielten Tragikomik,
gibt diesen liebenswerten Wicht als Inbegriff des gedemütigten Manns.
Für diese Szene allein muss man den
Film lieben. Und für viele andere Szenen auch. Und am allermeisten dafür,
dass er auf diese Szenen so wenig wie auf schnell verdiente Komik hinauswill.
Er unternimmt vielmehr die allergrößten Anstrengungen, seine Loser-Figuren
nicht zu denunzieren. Ein Schauspiel für sich ist es, wie sich der tieftraurige
Grundton der Geschichte von der Musik Alex Wurmans, die ihrerseits aufs Aufgeräumteste
komödiantisch tut, ständig konterkariert wird. Es ist, als spielte
man bei einer Beerdigung partout immer nur wieder Cancans. Man fragt sich, ob
Steve Conrad, bisher erfolgreicher Drehbuchautor ("Pursuit of Happyness"),
hier aber Regie-Debütant, dieses Auseinanderklaffen der Töne haargenau
so intendierte. Oder ob ihm das, als List einer Vernunft, die Inhalt und Form
perfekt verbindet, eher unterläuft. Jedenfalls stehen in seinem Film das
analytische Wahrheitsbegehren und der fröhliche Anstrich gänzlich
unvermittelt und unversöhnlich nebeneinander. Der Grundton, der sich als
überzeugende Disharmonie von Kapitalismusanalyse und Komödien-Mechanik
durchhält, ist ein für eine Hollywood-Komödie verblüffender:
"Topjob" erzählt vom tiefen Unglück zweier kleiner Männer,
die nicht recht wollen können, was sie sollen müssen.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist am 3.6.2009
zuerst erschienen in: www.perlentaucher.de
Topjob
- Showdown im Supermarkt
USA 2008 - Originaltitel: The Promotion - Regie: Steve Conrad - Darsteller: Seann William Scott, John C. Reilly, Jenna Fischer, Lili Taylor, Fred Armisen, Gil Bellows, Bobby Cannavale, Rick Gonzalez, Chris Conrad, Adrian Martinez, Mario Larraza - Länge: 86 min. - Start: 4.6.2009
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