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Tote
schlafen fest
Durch
eine Tür
Der Howard-Hawks-Klassiker "Tote
schlafen fest“ mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall, in dem Philip Marlowe
durch viele Türen geht, kommt wieder ins Kino
Darüber, wie man den Plot eines Detektivromans
vorantreibt, hat Raymond Chandler einmal gesagt: "Wenn du nicht weiterweißt,
dann schicke einfach einen Mann mit einer Waffe in der Hand durch eine Tür."
36 mal
geht Humphrey Bogart als Detektiv Philip Marlowe in "Tote schlafen fest"
durch eine Tür, nicht mitgerechnet jene, die offen stehen. Allerdings hat
er in der Mehrzahl der Fälle keine Waffe in der Hand. Die Tür und
das Hindurchgehen also sind wichtiger als die Waffe, der beim Zitieren der Chandler-Stelle
sonst die Aufmerksamkeit gilt. Auf die Länge des Films mit seinen 110 Minuten
berechnet: Alle drei Minuten betritt Marlowe einen anderen Raum. Der Privatdetektiv
ist in diesem Film vor allem eins: immer unterwegs. Er geht hinein in Häuser
und wieder heraus. Er betritt Zimmer und verlässt sie bald darauf. Nicht
die Begegnungen und Dialoge machen das Privatdetektiv-Sein aus, sondern das,
was dazwischen liegt. Das Gehen und Rennen durch ebenso wie das Lauern vor Türen,
das Eindringen, das Hindurchwollen und das Abwarten auch.
Man wird sich deshalb über den Beginn
des Films nicht wundern. Philip Marlow steht vor einer Tür. "Sternwood"
ist der Name darauf. Er klingelt und es wird ihm geöffnet. Dann steht er
im Flur, die jüngste Tochter des Hauses wirft sich in seine Arme. Er lässt
sie zurück, er geht durch eine Tür und die nächste in einen überhitzten
Raum voller Orchideen, in dem sein Auftraggeber, der alte Mann namens Sternwood,
der Hitze zum Trotz friert. Wenn Bogart, das Hemd durchgeschwitzt, aufsteht,
hat er noch 33 Türen vor sich, jene nicht mitgerechnet, die offen stehen
- wie etwa die zum Zimmer der älteren Tochter Vivian, der femme fatale
des Films, gespielt von Lauren Bacall. Mit dieser verwickelt sich, zwischen
dem Gehen durch die verbleibenden Türen, Marlowe in ein Verhältnis,
das so uneindeutig ist, wie es sich für einen Film Noir auch gehört.
Das Dingsymbol der Bewegung ist, schon
weil wir in Los Angeles sind, natürlich das Auto. 18
mal öffnet und schließt Humphrey Bogart als Philip Marlowe
im Lauf des Films eine Autotür. Überhaupt wird in "Tote schlafen
fest" so viel Auto gefahren wie sonst nur in Filmen von Christian Petzold.
Marlowes Auto, andere Autos, etwa das jener Frau namens Agnes, die Männer
verschleißt wie das arme Spiegelbild Marlowes mit Namen Harry Jones. (Der
trinkt, ohne es zu wissen, Gift und lacht und stirbt.) Als Marlowe einmal ein
Taxi nimmt, gibt ihm die Fahrerin ihre Karte, er dürfe sie gerne, nicht
aber während der Arbeitszeit, kontaktieren. Einmal wird ein Auto aus dem
Wasser gefischt mit einem Toten am Steuer. Wer den umgebracht hat, versuchten
die Macher des Films, geht die Legende, per Telegramm von Romanautor Raymond
Chandler zu erfahren. Der wusste es auch nicht, es ist in der Tat ausgesprochen
egal.
Das mit den Türen ist eigentlich
gar nicht erstaunlich. Jede Tür ist ein Spannungsmoment. Man weiß
nicht, was einen dahinter erwartet. Eine schöne Frau, eine unerwartete
Wendung, der überraschende Tod. In einer Szene wird das ausdrücklich
durchgespielt. Marlowe kommt durch eine Tür ins Zimmer eines Manns mit
Namen Joe Brody. Man redet über den zu klärenden Fall, es klingelt.
Brody öffnet die Tür, herein kommt die jüngere Sternwood. Man
redet über den zu klärenden Fall, es klingelt. Brody öffnet die
Tür, niemand kommt herein, es fallen Schüsse, Brody sackt zu Boden,
Marlowe rennt zur Tür, dem Täter hinterher. Es ist die die 22. der
Türen, durch die Marlowe im Laufe des Films geht. Er hat also weitere 14
noch vor sich. These: In "Tote schlafen fest" sind die Dialoge nur
Füllsel. Das deutlich als fadenscheinig erkennbare Herstellen eines Plot-Zusammenhangs
dient keinem anderen Zweck, als es Humphrey Bogart als Marlowe zu ermöglichen,
durch Türen zu gehen.
Eine andere Hauptbeschäftigung hat
der Detektiv noch. Er grübelt, er rätselt, er denkt. Für diesen
inneren Vorgang haben sich Regisseur Howard Hawks und/oder Bogart ein äußeres
Korrelat ausgedacht. Jedesmal, wenn er denkt, fasst sich Bogart als Marlowe
mit der rechten Hand an sein rechtes Ohrläppchen. Diese Geste wiederholt
er im Laufe des Films 13 mal. Er geht also
drei Mal so oft durch eine Tür wie er denkt. Er öffnet öfter
eine Autotür als er ins Grübeln gerät. "Tote schlafen fest"
ist, darf man schließen, der Inbegriff eines Action-Films.
Man wird sich über das Ende des Films
nicht wundern. Ein Mann namens Eddie Mars (viele Männer, viele Frauen,
es ist alles so kompliziert, dass man mit dem Nacherzählen besser gar nicht
erst anfängt), ein Mann namens Eddie Mars geht durch eine Tür und
wird davor, was man nicht sieht, weil er sie hinter sich schließt, von
seinen eigenen Männern erschossen. Was man sieht, ist ein Schussmuster
wie eine Schrift in der Tür auf
der dem Blick des Betrachters zugewandten Seite. Der Mann namens Mars
fällt dann rücklings wieder zurück durch die Tür. Bogart
geht nicht hindurch (es wäre Tür Nummer 37), sondern schließt
sie vorsichtig mit dem rechten Fuß. Er ruft per Telefon die Polizei und
stellt sich für die abschließende Halbnahe neben Lauren Bacall. Die
verwickelten Verhältnisse sind geklärt. Und doch geht sein Blick zur
Tür. Dann ihrer auch. Dann blickt er zur ihr. Ihr Blick noch immer zur
Tür. Dann geht auch ihrer zurück. Die Blicke, die die Liebe besiegeln,
versiegeln in alle Ewigkeit die Türen des Films.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen am 08.07.2009 im: www.perlentaucher.de
Zu
diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere
Texte
Tote
schlafen fest
USA
1946 - Originaltitel: The Big Sleep - Regie: Howard Hawks - Darsteller: Humphrey
Bogart, Lauren Bacall, John Ridgley, Martha Vickers, Peggy Knudsen, Regis Toomey,
Dorothy Malone, Charles Waldron - FSK: ab 16 - Länge: 114 min. – Start
[WA]: 9.7.2009
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