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Track
29
Regisseur Nicolas Roeg und Drehbuchautor
Dennis Potter führen in ihrem neuesten Film, der Mitte Januar in der Bundesrepublik
startet, Hör- und Sehgewohnheiten vor, daß einem Hören und Sehen
vergeht
Ein Film, den man hemmungslos empfehlen
kann. Einsteigen in den Chattanooga Choo Choo. Abfahrt
bekanntlich Gleis 29.
»Pardon me, boy, is this the Chattanooga Choo Choo? Yes, yes! Track 29!
All aboard!« Musik
(Harry Warren) und Text (Mack Gordon) dieser Nummer aus dem Jahr 1941.
Auch die anderen Hits sind aus der Zeit von Urahne, Großmutter, Mutter
und Kind: »M.O.T.H.E.R.« (Theodore Morse
und Fiske O.Hara, 1915), »When The Red Red Robin Comes Bob Bob Bobbin'
Along« (Harry Woods, 1926), »Young At Heart« (John Richards
und Carolyn Leigh, 1954), »Mother« (John Lennon, 1971. Die
Songs, voll gepackt mit Emotionen und Lebensweisheiten, Anklagen und Ermutigungen,
appellieren ans Gemüt dieser amerikanischen Normalstbürger, die in
mehr oder minder dumpfer Stube versammelt sind. Ein
traumatisches Emotionaldefizit: »Mother, you had me, but I never had you,
I wanted you, but you did'nt want me« (John Lennon). Empfehlung:
»Engstirnigkeit vermeiden, über Alpträume lachen. das Unmögliche
wa`gen, zum Äußersten gehen – to be young and high« (Carolyn
Leigh).
Der Alltag im kleinstädtischen North
Carolina – gedreht ist der Film in Wilmington und Wrigthsville Beach – ist normal,
typisch amerikanisch, eben Horror, Alptraum, Engstirnigkeit. Wieder wird Linda
(Theresa Russell) von ihrem Gatten abgefertigt, wenn sie den Wunsch, begattet
zu werden, signalisiert: »Das ist nicht möglich, Linda«, sagt
Dr. Henry Henry (Christopher Lloyd), Oberarzt der gerontologischen Abteilung
im städtischen Krankenhaus. Dann setzt er zur Attacke gegen die unmöglichen
Frauenwünsche an, nämlich seine Modelleisenbahnanlage in Betrieb,
er schiebt eine Diskette ein: »All aboard«, und dann jagt der häusliche
Chattanooga Choo Choo durch die Zimmer, daß es der armen Linda ein Alptraum
ist. Empfehlenswert ist in dieser Situation ein großer terroristischer
Anschlag.
Kaum gedacht, schon gezeigt. Der Film
verhilft ihm zu blutiger Realität, genauer gesagt: der junge Martin (Gary
Oldman) tritt in Aktion, ein Zugereister aus dem fernen Engelland, eine unmögliche
Kombination von Sohn, Liebhaber und Rächer. Wenn er mit seinen starken
Fäusten die Modellwagons zerquetscht, teure Sammlerstücke, fließt
rotes Blut heraus. Aber möglicherweise ist der starke Mann nur eine neue,
bisher unterdrückte Seite von Linda, denn als sie das Äußerste
wagt und mit dem langen Küchenmesser nach oben geht, wo Gatte Dr. Henry
am zentralen Eisenbahnschaltpult Regie führt, sieht man den jungen Martin
eben dieses Messer schwingen. Splitternackt springt er bzw. sie dem Doktor an
die Brust und stößt die Klinge tief in den Rücken, daß
das Blut durch die Decke tropft. Lachend, young and high setzt sich Mutter Linda
keck einen unmöglichen Hut auf, weiß mit großen schwarzen Punkten,
startet ihr Kabriolet und bloß weg aus Wilmington.
Ich könnte schwören, daß
ich diese Szene schon in einem Film gesehen habe. Aber in welchem? Keine große
Schwierigkeit war es, Martins Mutter, »a cleaning woman«, im Kultfilm
»Tote tragen keine Karos« zu finden. Und wenn Martin mit seinen
groben Affenhänden nach den Choo-Choo-Zügen greift, wie sie grade
über die Hängebrücke fahren, dann ist das King Kongs schiere
Kinowirklichkeit. Martin, der Retter, scheint jedoch auch aus den unendlichen
Mysterien des Kosmos zu kommen, einer TV-Serie aus dem ewig laufenden Fernseher
entsprungen. Einen SF-Helden menacing reality kündigt eine off-Stimme im
TV-Gerät an. Linda hört mit einem Ohr hin; die Realität, in der
sie lebt, kann gar nicht genug bedroht werden. Und schon ruft es grausig und
hilfeflehend im Weltenraum: »Mami, Mami«, und ein Kind sucht seine
Mutter. Später sind es Filmsequenzen auf dem Monitor, deren Handlung Linda
aufgreift und weiterführt, wie zufällig. TV-Comic-Strips erlauben
Bildverkürzungen und sprechende Nahaufnahmen. Linda sieht sich als Fünfzehnjährige
wieder auf dem Jahrmarkt im Elektroscooter. Hinter ihr steht einer im Wagen.
»Blitzelblitzel« macht der Kontaktschleifer an der Decke. Die Großaufnahme
erzählt die erste – böse – Liebesgeschichte. Für die, die Comics
gelesen haben, also für alle.
Kurzum, »Track 29« ist eine
schrille Horrorkomödie. Und eine satte antiamerikanische Satire. Und ein
mediales Kunstwerk ohnegleichen. Weil zum erstenmal konsequent und intelligent
und souverän mit den Hör- und Sehgewohnheiten derjenigen operiert
wird, die den Film hören und sehen – ,
so wenig konsequent und intelligent und souverän diese Rezeptionsformen
sein mögen. Aber sie sind inzwischen selbst Realität geworden, haben
sich an die Stelle dessen gesetzt, was wir äußere Wirklichkeit nennen.
Regisseur Nicolas Roeg (»Wenn
die Gondeln Trauer tragen«, »Castaway«) ist es mit Hilfe
eines überaus erfindungsreichen Drehbuchs (Dennis Potter) gelungen, die
neue (mediale) Wirklichkeit operabel, für den einzelnen handhabbar zu machen
und durch eine subversive Ästhetik die konservativen Lebensformen zumindest
in North Carolinas Kleinstädten grinsend-grimmig zu attackieren. Wer den
ganzen Tag den TV laufen läßt und eine Musi-Cassette nach der anderen
einwirft, dem kann man nicht mit schlauen Diskursen kommen und mit sauberer
Argumentation. Roeg und Potter haben
stattdessen in »Track 29« Hör- und Sehgewohnheiten vorgeführt,
hör zu, sieh zu, die Dekoration, die Schauspieler, die Montage und Collage
sind wichtiger als die Literatur und der explizierende Dialog. Verbal wird uns
in diesem Film am wenigstens erzählt, und das unterscheidet ihn auf das
Angenehmste von all diesen amerikanischen Filmen, in denen uns erklärt
wird, was wir nicht gesehen und gehört haben und was wir infolgedessen
nicht glauben können.
»Track 29« ist ein in US-Amerika
produzierter Film, aber eine ziemlich Un-American
activity. Ich würde sagen: very British. Erstens wegen Martin. Im Hämburger
Place stellt er sich vor: »My name is Martin. I'm from England«,
um festzustellen, daß er sich an diesem Ort nicht verständigen kann,
jedenfalls nicht verbal über die Frage, wie er die Spiegeleier haben will.
Autor Potter ist Brite, und er hat eingestandenermaßen in »Track
29« den Kulturschock verarbeitet, den ihm Anfang des Jahrzehnts Los Angeles
bereitet hatte: »Das ist eine Stadt, die nicht nur physische Häßlichkeit
kennzeichnet, sondern auch ein akuter geistiger Terror. 'Track 29' spielt in
einer Kultur, die die Menschen nur allzu leicht ihrer Identität beraubt«.
Nicolas Roeg und Hauptdarstellerin Theresa Russell (»Die
schwarze Witwe«), verheiratet, leben in London. Von hier aus verkündet
Roeg sein Credo, daß »Kino die Kunstform unserer Zeit ist«
und daß er mit diesem Mittel »Barrieren durchbrechen will«.
Ehefrau Theresa Russell hatte sich bereits 1979 bei der Aufdeckung des Watergate-Skandals
engagiert. In »Blind Ambition«, einem Film der auf John Deans Enthüllungen
basierte, spielte sie die weibliche Hauptrolle.
Die britische Antwort auf den American
Way of Life liefert am anschaulichsten und eindrücklichsten der Martin-Darsteller
Gary Oldman, der zuletzt in »Prick Up Your Ears« von Stephen Frears
zu sehen gewesen ist. Ein hochtalentierter Schauspieler, der in »Track
29« gefordert war – in einer Rollen- und Identitätenvielfalt, nämlich
in immer neuen Ausgeburten von Lindas deformierter Phantasie. Eine glänzende
schauspielerische Performance. Ein sechsjähriger, ungezogener, weinerlicher,
trotziger Junge. Ein romantischer Liebhaber. Ein Engländer from Outer Space.
Und gleichzeitig immer wieder Linda selbst: die defizitäre Frauenidentität.
Rollenwechsel, Rollenspiel und Identitätserprobungen sind die britische
Antwort auf Frust, Verkrustung und Stuß des American Way. »Do you
like games, Mami«, fragt der junge Mann mit der Stimme des Sechsjährigen
und faßt der schönen Linda unziemlich an die Brust. Schau-Spiele.
Dann sagt er zu ihr: »You can kiss me if you want«; aber das ist
nicht seine, sondern Lindas Identität, die sich ins Spiel bringt.
»Track 29« ist ein Film des
Schauspiels, der Akteure. Sie sind so gut und ungewöhnlich, wie man es
sich aus therapeutischen und britischen Gründen nur wünschen kann.
Listiger- und tückischerweise ist der Film so angelegt, daß die Schauspieler,
sofern sie nicht britisch sind, aus der Rolle des typischen Amerikaners nicht
herauskönnen. Zum Beispiel ist dem Dr. Henry Henry der »Chattanooga
Choo Choo«-Song zu weiter nichts als einem perversen Spielchen nütze,
nämlich immer demselben. Christopher Lloyd spielt die lustige Masoszene
mit derselben Mimik, wie er sie als Sado-Nazirichter im »Falschen Spiel
mit Roger Rabbit« zur Schau stellte. In »Track 29« wird uns
der Hit von 1941 wieder abgewöhnt, wenn Schwester Stein (Sandra Bernhard,
mein Gott: seht Euch dieses Antlitz an!) die sterilen, aber roten Handschuhe
überstreift und mit Inbrunst sowie im Takt auf den bloßen Oberarzthintern
schlägt, daß die Lustschreie gellen und die Patienten auf ihren Rollstühlen
aus der Fahrbahn geraten, draußen im Gang.
Christopher Lloyds Mimik ändert sich
auch nicht, wenn er in einer großen Szene zum Präsidenten der Modelleisenbahnergesellschaft
gewählt wird. Der Trainorama-Auftritt ist öffentlich und die Quintessenz
aller TV-Aufnahmen, die wir vom amerikanischen Wahlkampf gesehen haben. Unter
dem Union Jack fordert er geistige Disziplin und militärische Zucht. Was
hat unsere große Nation zusammengeführt? Die Gleise waren es! (Zurufe,
Zuschauer erheben sich von den Plätzen, Frauen heulen vor Rührung)
Ich sage, was ich fühle. Wollt Ihr es wissen? (Ja! !) Ich schließe
meine Augen. Ein Bild aus alten Zeiten. Wo wir wußten, wer wir waren,
wo wir waren und wohin wir gingen. (Euphorische Schreie, orgiastischer Applaus,
Luftballons steigen, der Chattanooga Choo Choo fährt ein, besetzt mit Girls,
die rhythmisch mit ihren Tambourstäbchen schlagen, und unser Dr. Henry
Henry-Darsteller stößt wieder seine Lustschreie aus, es sind die
gleichen wie auf dem perversen Operationstisch im Stationstrakt, und es ist
auch die gleiche musikalische Nummer. Womit Lloyds Spiel mimisch, aber leicht
einsehbar bewiesen hat, daß zwischen privater und öffentlicher Perversität
keinerlei Unterschied besteht und der schöne Chattanooga Choo Choo nebst
reichster Hör- und Seherfahrung nichts nützt, wenn er lediglich als
Reizauslöser für zwanghafte Wiederholungen benutzt wird, eben für
den American Way of Life mindestens in diesem North Carolina).
Drehbuchautor Potter, Sohn eines Grubenarbeiters
und Labour-Parlamentskandidat in den sechziger Jahren, hat die Konservativismus-
und Nationalismusorgie dieses Wahlkampfs kenntnisreich nachempfunden und auf
den Höhepunkt getrieben, und Regisseur Roeg hat in den Schauspielerorgasmus
Szenen der Zerstörung, der Anarchie und des Umsturzes hineingeschnitten:
eine manische, aber verdiente Antwort. Gott sei Dank gibt es King Kong, der
Dr. Henry Henrys Lebenswerk plattmacht und seine Lustschreie abwürgt. Jeder,
der Kinoerfahrung hat, weiß, wie das geht.
Zum Schluß des Horrortages ruft
Linda die Freundin Arlanda (Colleen Camp) zu Hilfe. Arlanda ist unvergeßlich,
wie sie sich mit dem Papiertaschentuch die feuchten Achseln trocken reibt und
im allerneusten Fitnessdress die Hanteln stemmt. Sie hat als typische Amerikanerin
nichts gesehen und nichts gehört. Nicht mal den naughty boy Martin kriegt
sie mit, selbst wenn sie danebensteht und er mit ihr spricht. Aber nun muß
sie wählen. Zwischen der offenbar schwer psychotischen Linda und dem nicht
minder geschädigten Gatten. Dr. Henry Henry läßt den Macho raushängen:
»Ich bin ein Doktor! Ich weiß, was ich tue«, brüllt er
und ohrfeigt seine Frau im Takt der roten Handschuhe, denn »women and
trains don't mix«. (Ich nehme an, im Kino wird dies eine deutsche Synchronstimme
sagen). Arlanda übt daraufhin Frauensolidarität und entscheidet: »Herr
Dr. Henry, Sie sind es, der verrückt ist«, womit das amerikanische
Upperclassdrama auch als das Drama einer Geschlechterunterdrückung definiert
wird. Die Frau, daheim in der perfekten Zivilisation zwischen Massagestab und
Swimmingpool, allein und einsam, sie registriert zuerst, daß »das
Leben leer, sinnentleert und zwecklos ist« (Linda). So daß der Aufbruch
auf Gleis 29 mit Musik und allerlei Rollenspiel am besten von Frauen betrieben
wird, die sich unartige aber liebe Jungs dazuholen, welche andererseits nichts
anderes als manifeste feminine Hirngespinste zu sein brauchen. – Stimmt das
Fazit? Egal. Einsteigen und abfahren ist immer noch besser als dableiben. In
Wilmington.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: Konkret 01/1989
Track
29 - Ein gefährliches Spiel
TRACK
29
England
- 1987 - 90 min. - Verleih: prokino - Erstaufführung: 12.1.1989 - Produktionsfirma:
Handmade - Produktion: Rick McCallum
Regie:
Nicolas Roeg
Buch:
Dennis Potter
Kamera:
Alex Thomson
Musik:
Stanley Myers
Schnitt:
Tony Lawson
Darsteller:
Theresa
Russell (Linda)
Gary
Oldman (Martin)
Colleen
Camp (Alanda)
Christopher
Lloyd (Henry)
Sandra
Bernhard (Schwester Stein)
Seymour
Cassel (Dr. B. Fairmont)
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