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Tropa
de Elite
Außer
Atem
Ist Jose Padilhas "Tropa de Elite"
ein Egoshooter-Film? Keineswegs. Aber er ist auch weit davon entfernt, das Gegenteil
zu sein.
Ein Elite-Cop als Ich-Erzähler, die
Knarre in der Hand, unterwegs in den Favelas von Rio de Janeiro: Ein Egoshooter-Film?
Von wegen, alles andere als das. Aber, und das macht seine Intelligenz aus,
er ist sogar weit davon entfernt, das Gegenteil zu sein. Dieser Film mutet einem
mit voller Absicht einen Helden zu, dessen Verhalten durch nichts zu rechtfertigen
ist. Er zwingt einen nicht nur, dessen Gewalttaten zu ertragen, beinahe nötigt
er einen sogar, vieles von dem, was dieser Held tut, mit Sympathie zu betrachten.
Beinahe, denn natürlich zwingt einen der Film nicht zuletzt, gegen diese
Sympathie zu kämpfen und also nicht den Verstand zu verlieren inmitten
einer sozialen Situation, die Regisseur Jose Padilha unter den herrschenden
Zuständen so überzeugend wie konsequent als aussichtslos beschreibt.
Und damit ab ins juristische Foucault-Seminar.
Mitglieder einer Bürgerkinder-NGO sitzen hier herum und diskutieren tatsächlich
Michel Foucaults "Überwachen und Strafen" und sprechen über
die Mikro-Wirkungen der Macht, denen auch der nicht einfach so entkommt, der
sich gegen sie stemmt. Mitten unter den Studierenden sitzt, als einer, der um
jeden Preis auf der richtigen Seite stehen will, Andre Matias, schwarz, intelligent
- und Polizist. Das verrät er seinen Kommilitonen nicht und auch nicht
der Kommilitonin Maria, die sich in ihn verliebt. Andre lebt in zwei Welten,
er lebt zwei Wahrheiten bis zur Schizophrenie, er bekommt zu spüren, wie
Kräfte an ihm zerren, zur einen Seite wie zur anderen; auch vom Kampf um
seine Seele erzählt nicht zuletzt dieser Film.
"Tropa de Elite" schildert ein
System aus vielen Systemen, die sehr viel häufiger durch Korruption als
durch Recht und Gesetz miteinander verbunden sind. Der Film verschließt
dabei, als wäre es ein Leichtes, nicht die Augen vor den Realitäten.
Vor allem nicht vor der leicht dahin zu behauptenden, aber schwer zu ertragenden
Realität, dass es keine einfachen Lösungen gibt. So ist die NGO, deren
Mitglieder zum großen Teil die besten Absichten haben, in den Drogenhandel
verstrickt. Schon weil niemand in die Favela kommt, den die Drogenbosse dort
nicht haben wollen. Und erst recht ist die Polizei auf Weisen korrupt, die sich
kein Drehbuchautor ausdenken kann: deshalb hat Jose Padilho sein Drehbuch auch
gemeinsam mit einem der Elite-Polizisten der BOPE gemeinsam verfasst, von denen
der Film handelt.
Mit den Augen und Worten von Capitao Nascimento
(Wagner Moura), dem Ich-Erzähler-Helden, lernen wir das System der Sondereinsatzpolizei
von innen kennen. Nascimento, der gerade Vater wird, will lebend raus aus der
Truppe und sucht deshalb einen Nachfolger. Andre Matias (Andre Ramiro), der
Jura-Student und NGO-Mitarbeiter, kommt in Frage und sein bester Freund Neto
auch. Der Film schildert ihren Weg vom Polizei-Anfänger zum Ausbildungscamp,
viel mehr Plot braucht er schon nicht. Wie im Ausbildungslager die Aspiranten
gedemütigt, erniedrigt, entmenscht werden, bekommen wir zu
sehen. Wie sie gedrillt werden zu Mördern, die auf Rache sinnen
und an die Notwendigkeit zu glauben lernen, das Töten aus Rache immer weiter
fortzusetzen, Auge um Auge. Wie einer, der als Mensch begann, am Ende ein Mörder
ist, das ist die Geschichte des Films. Damit konfrontiert er uns, immer aus
Sicht des Elite-Cops, der sich zu glauben zwingt, er stehe auf der richtigen
Seite. Mit dem letzten Bild erst, bevor er mit einer trostlosen Weißblende
schließt, nimmt Jose Padilha eine radikale Perspektivumkehr vor: Das Gewehr
ist auf den, der am Boden liegt, gerichtet. Und die Kamera blickt, im Moment,
da das Böse triumphiert, aus der Perspektive des Opfers - das selbst ein
vielfacher Mörder ist - in den Lauf des Gewehrs.
Jose Padilha hat diese Geschichte, gegen
alle Weltkinokonsensstilgewohnheiten, mitreißend verfilmt. Er reißt
den Zuschauer mit, aber nicht in manipulativer Absicht zu schlichten Erklärungen,
simplen Identifikationen oder wohlfeilen Lösungsvorschlägen. Er reißt
ihn vielmehr mit ins Komplexe, mit in Szenen und Situationen, bei denen man
sich auch als Zuschauer nicht einfach so auf die richtige Seite schlagen kann,
und zwar deshalb, weil es eigentlich nur falsche Seiten gibt. Die Form des Erzählens
ist die Quasi-Dokumentation. Nicht, wie der sehr artikulierte und intelligente
Regisseur in der Pressekonferenz erklärt, das "fake and shake"
unmotivierten Handkameragewackels mit seinen billigen Effekten. Sondern ein
aus dem Regiekonzept entwickelter Dokumentarstil. Padilha hat keine einzige
Szene nach den Regeln der Kunst aufgelöst: es gibt keine establishing shots,
keine doppelten oder dreifachen Einstellungen einer Szene aus verschiedenen
Kamerapositionen. Keine Vorschriften für die Darsteller, keine Marke auf
dem Boden, an die sie sich halten mussten. Und keinen einzigen geschriebenen
Dialog, die Schauspieler haben alles, im Rahmen
von bloßen Beschreibungen ihrer Situation in der jeweiligen Szene, komplett
improvisiert.
Drei Monate nahm sich das Team Zeit für
Proben vor dem Drehbeginn; die Darsteller der Cops haben sogar an einem tatsächlichen
BOPE-Ausbildslehrgang teilgenommen. Das Resultat dieser Repräsentations-Strategien
ist von naivem Authentizismus denkbar weit entfernt. Die Mischung aus mitreißendem
Dokumentarstil und konsequenter Verfremdung durch die Wahl der Perspektive ist
in ihren Wirkungen auf die erhellendste Weise desorientierend. Und zwar, indem
sie den Zuschauer auf verdammt ungemütliche Weise aus allen bequemen Identifikationspositionen
reißt. "Tropa de Elite" war in Brasilien ein Sensationserfolg,
wurde erst auf illegalen DVDs und per Internet-Downloads millionenfach gesehen,
war dann aber auch im Kino noch der erfolgreichste Film des Jahres. Es ist,
wie beinahe zu erwarten, der Vorwurf lautgeworden, er sei Propaganda für
die Elite-Truppe BOPE. In Wahrheit aber kann sich ein Film von den Vereinfachungen,
die Propaganda ausmachen, nicht konsequenter entfernen, als "Tropa de Elite"
dies tut.
Ekkehard Knörer
Dieser Text ist zuerst erschienen
(im Rahmen der Berlinale 2008) zuerst erschienen am 11.02.2008 in: www.perlentaucher.de
Tropa
de Elite
Brasilien
/ Niederlande / USA 2007 - Regie: José Padilha - Darsteller: Wagner Moura,
André Ramiro, Caio Junqueira, Maria Ribeiro, Fernanda Machado, Milhem
Cortaz, Paulo Vilela - FSK: keine Jugendfreigabe - Fassung: O.m.d.U. - Länge:
115 min. - Start: 6.8.2009
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