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Tulpan
Schluss
mit Oktopus
In
seinem Spielfilmdebüt "Tulpan" versetzt Sergey Dvortsevoy nicht
nur seine Figuren, sondern auch uns auf recht atemberaubende Weise in die Hungersteppe
von Kasachstan.
"Tulpan"
ist ein Film über das In-der-Steppe-Sein und er sorgt dafür, dass
man als ZuschauerIn so sehr in der Steppe ist, wie das vom Kinosessel aus geht.
Hungersteppe, Kasachstan. Eine Kamelherde, Staub, die Kamera taumelt, kein Horizont
in Sicht: das ist das erste Bild. Dann geht es in ein Inneres. Eine Jurte. Wir
sehen einen Mann in Matrosen-Uniform, der Geschichten von einem Oktopus erzählt.
Die Kamera fokussiert ihn, sie ist unruhig, sie schwenkt dann nach rechts, wo
Rauch im Bild ist, ein alter Mann, neben ihm eine Frau. Die Kamera, sie scheint
neugierig, schwenkt noch weiter, man sieht, in einem Schlitz in der Jurtenwand
Augen, sie scheinen neugierig, die Kamera, sie ist unruhig, schwenkt zurück
nach links, ein weiterer Mann sagt zum Matrosenmann: "Genug." Schluss
mit dem Oktopus.
Dann,
in der Steppe, eine wilde Fahrt. Der Mann in der Matrosenuniform, Asa (Askhat
Kuchencherekov), hängt an der Seite eines Traktors und vollführt eine
Art Tanz, schwenkt nach vorne und wieder zurück, dazu läuft im Kassettengerät
des Traktors, der durch die Steppe fährt, nicht zum letzten Mal "The
Rivers of Babylon" von Boney M. Den Traktor fährt Boni (Tolepbergen
Baisakalov), ein Freund Asas, er liebt diese Musik. Man hört sonst oft
den Wind in der Steppe, das Brüllen der Kamele, das Mähen der Schafe,
das Schreien der Esel, den Gesang eines Mädchens. "Tulpan" entwirft
die Steppe als Geräuschlandschaft, in deren menschenfeindlicher Dürre
die Flüsse Babylons eine absurde Pointe ergeben. Asa auf dem Traktor und
Boni mit den goldüberkronten Zähnen fasst die Kamera eine ganze Weile,
fahrend, tanzend, so ins Bild, dass man nicht ahnt, dass unmittelbar neben ihnen
Ondas sitzt, der Mann, der schon in der Jurte neben Asa saß und "genug"
sagte, Ondas, der der Mann von Asas Schwester ist, und der keine Zukunft sieht
für Asa, falls der in der Steppe, 600 Kilometer von der nächsten Stadt,
keine Frau findet, die ihm Kinder zeugt und die Hausarbeit macht.
Tulpan
wäre die einzige Frau weit und breit. Ondas sagt nun, auf dem Traktor,
die Kamera nimmt ihn fast unvermittelt ins Bild, "sie will dich nicht".
Und fügt hinzu: "Es sind deine Ohren." Asa hat in der Tat abstehende
Ohren, aber so schlimm ist es eigentlich auch wieder nicht. In der Jurte wurde
in Tulpans Abwesenheit (aber ihre Augen haben wir, von der neugierigen Kamera
geführt, im Wandschlitz gesehen) über eine mögliche Ehe zwischen
ihr und Asa verhandelt. Der möchte ein Hirte werden in der Steppe, dazu
braucht er, darauf besteht Ondas, eine Frau. Tulpan, die Asa nicht will, schlägt
ihm die Tür zu dieser Zukunft vor der Nase einfach zu. Ein paar mal noch
wird er dagegen rennen, buchstäblich und metaphorisch, und wenn er die
Tür dann buchstäblich eintritt, findet er dahinter nur eine Ziege.
Kein einziges Mal sieht Asa und sehen wir Tulpan, die Titelfigur, von Angesicht.
Nur die Augen, den Hinterkopf und einmal ein Rennen, ein Huschen - sie ist dann
davon.
Eigentümlich
ist die Art und Weise, in der Regisseur Sergej Dvortsevoy nicht nur seine Figuren,
sondern auch uns, die wir ihnen zusehen, in die Steppe versetzt. "Tulpan"
ist Dvortsevoys Spielfilmdebüt, zuvor aber hat er, ein geduldiger Mann,
Dokumentarfilme in der Steppe gedreht. Die Beharrlichkeit des Dokumentarfilmers,
der die Wirklicheit weniger inszeniert als dass er ihr auflauert, legte er auch
für "Tulpan" an den Tag. Er hat gewartet und gewartet, bis er
den Tornado und das Unwetter und den Sturm mit der Kamera festhalten konnte.
Daraus, wie in "Tulpan" das Nichtinszenierbare, als Wetter, als Natur,
als Schaf auftritt - aber gerade, ohne dass er Auftritte daraus machte, es sind
das Wetter, die Natur, die Kamele und Schafe vielmehr einfach nur da und vorhanden
-, bezieht der Film Kraft und Ruhe. Das Ausgesetztsein, das Widrige, das Klein-Sein-des-Menschen
in einer Welt, in der der Horizont immer wieder im Staub untergeht, ist nicht
nur Behauptung. Der Film bezeugt, indem er sein Sich-Aussetzen sichtbar macht,
alles selbst.
Er
zeigt den hellen Staub, der die Ohren weiß anmalt. Er zeigt minutenlang
die Geburt eines Schafs, er zeigt Asa, als Hebamme in leichte Panik versetzt.
Und nichts von alledem hat auch nur den leisesten Anflug von Exotismus. Diese
Welt ist abgeschieden, aber darin, wie Dvortsevoy Fragmente der Zivilisation
hineinragen lässt, liegt eine große Stärke. Einer von Ondas'
Söhnen ist ein echter Nachrichten-Junkie, der alles, was er im batteriebetriebenen
Radio hört, hinterher auswendig hersagt: Erdbeben in Japan, Stärke
sieben auf der Richter-Skala. Und Boni, der von irgendwoher Zeitschriften hat,
aus denen er nackte Frauen ausschneidet, die er dann ins Fahrergehäuse
klebt. Auch hat er ein Foto von Charles (mit Diana, nicht alles ist auf dem
neuesten Stand), das er zum Ohrvergleich ins Feld führt (dagegen sind Asas
Ohren doch gar nichts): vergebens.
Das
eigentlich Aufregende an "Tulpan" aber ist, weil man das als Filmästhetik
der Steppe niemals erwarten würde, die Kameraarbeit. Manchmal heftet sich
die Kamera als Handkamera an die Schultern einer Figur wie in einem Film der
Dardennes. Und immer ist sie auf dem Sprung, unruhig, suchend, gewährt
dem Blick kaum je eine Totale - und umso gewährender schenkt sie dann die
Bilder vom Tornado, vom Wetter, von Kamelherden. Großartigerweise erweckt
diese Kamera, die sehr genau zu wissen scheint, was sie tut, niemals den Eindruck
einer bloßen herumwackelnden Dokumentarfilmsimulation. Mit großer
Präzision schneidet sie unruhige Stücke aus dieser Welt in der Steppe.
Sie enthält vor, schenkt her, weist zurück, gibt und nimmt auf und
setzt so die Menschen, die Tiere, die Natur und den Zuschauer in eine aufregend
zwischen Fremdheit und Anteilnahme oszillierende Beziehung. Man staunt da schon
sehr.
Ekkehard
Knörer
Dieser
Text ist zuerst erschienen am 02.12.2009 im. www.perlentaucher.de
Tulpan
Deutschland
/ Schweiz / Kasachstan / Polen / Russland 2008 - Regie: Sergey Dvortsevoy -
Darsteller: Askhat Kuchinchirekov, Tulepbergen Baisakalov, Samal Yeslyamova,
Ondasyn Besikbasov, Bereke Turganbayev - FSK: ab 6 - Länge: 100 min. -
Start: 3.12.2009
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