zur startseite

zum archiv

zu den essays

 

Der Vollposten

 


Der Stress eines Bürokraten

Ist das noch ein Film? Oder doch schon eher ein, äh, kulturelles Phänomen? Als der Film zum Jahresbeginn in Italien startete, hatte er innerhalb von 3 Tagen schon 3 Millionen Zuschauer, und das war erst der Anfang. Im Lauf des Halbjahres, bis der Film auf DVD erschien und die nächste Verwertungsrunde begann, hatte er mehr als 50 Millionen Euro eingebracht und war damit der erfolgreichste italienische Film aller Zeiten.

Zwar hatten der Komiker Luca Pasquale Medici, der sich Checco Zalone nennt (was man in etwa als »Was für ein Verlierer« übersetzen kann) und der Regisseur Gennaro Nunziante schon eine ganze Serie durchaus erfolgreicher kleiner Filme zusammen gedreht und Checco selber ist im Fernsehen und als Plattenstar bekannt (von ihm stammt das hymnische Lied »Siamo una squadra fortissimi« über die siegreiche italienische Fußballmannschaft von 2006), aber mit dem Publikums-Zuspruch zu »Quo Vado?«, der hierzulande als »Der Vollposten« ins Kino kommt, hatte doch niemand gerechnet. Man hat einfach, wie man so sagt, einen Nerv getroffen.

Man kann den Film ansehen wie einen Spielfilm, dann hat er ungefähr diese »Handlung«: Der Held wollte schon als Kind ein Beamter mit einem »festen Posten« werden, was bedeutet, das Leben vor allem in der nächsten Bar zu verbringen, möglichst viele unsinnige Formulare mit möglichst vielen unsinnigen Stempeln zu versehen und sich von allen um so ein ruhiges Leben beneiden zu lassen. Wenn man dann noch bei den Eltern wohnt und sich die Geliebte auf Abstand hält, ist ein Männer-Paradies all’italiana beinahe perfekt. Doch dann kommen, ach, selbst hier die Reformen. In Italien bestehen Regeln vor allem in Ausnahmen. Schließlich jedenfalls ist Checco selbst der einzige von den beamteten Nichtstuern, der seinen Posten nicht behalten soll. Man bietet ihm eine Abfindung an, doch nichts da, Checco nimmt jede noch so abenteuerliche Strafversetzung an, um seinen festen Posten zu behalten. Sogar ins ewige Eis am Ende der Welt geht er, wo er eine junge Forscherin vor Eisbären zu beschützen hat. Zwischen diesen beiden… nun ja, so geht eben »Handlung« in einem solchen Film.

Man kann »Quo Vado?« natürlich auch als Nummernfolge kabarettistischer Szenen ansehen, in denen mit allen möglichen Italien-Klischees gespielt wird. Von diesen kabarettistischen Szenen sind einige richtig gut gelungen, andere stören nicht weiter. Wer indes cineastische Qualitäten , Schauspielkunst oder auch nur flüssige Plot-Konstruktion erwartet, ist definitiv im falschen Film. Was also macht »Quo Vado?« so erfolgreich? Der Film hat, bei allen Albernheiten und bei allen satirischen Hieben, einen angenehm unhysterischen Grundton. Der Humor wird niemals obszön oder debil, er versprüht eine Art alles verzeihender Sympathie. Irgendwie bleibt alles im menschlichen Bereich; fünf Minuten »Simpsons« enthalten mehr gesellschaftskritische Bosheit als dieser ganze Film. Und Checco Zalone ist zwar ein »Fanullone« und Nesthocker, aber er wird, wie es so geht, eben auch moralisch erweckt und vielleicht ein bisschen erwachsen.

Und da fängt manches auch an, etwas mulmig zu werden. Denn spätestens beim Lied »La prima Repubblica«, das als Leitmotiv durch den Film stampft, kann man auch meinen, in einem Propagandawerk für die (Neo-)Liberalisierung des Arbeitsrechts und die Freuden der Prekarisierung zu sitzen. In Italien jedenfalls konnte sich die Kritik nicht einigen, ob »Quo Vado?« ein Werk des »Linkspopulismus«, ein Matteo Renzi-Unterstützungsprojekt oder doch ein berlusconistisches Gespenst sei. Und was soll man von einem Film halten, der den Chef der Lega Nord, Salvini, dazu bringt, Checco Zalone umgehend den Posten des Kulturministers in einer von ihm geführten Regierung anzubieten (in der Berlusconi selber übrigens Außenminister werden soll)?

Aber wahrscheinlich ist auch das wieder nur ein Missverständnis. »Quo Vado?« ist weder rechts noch links (oder sowohl als auch); der Film macht sich vielmehr auf einigermaßen freundliche Weise über Verhältnisse lustig, die ansonsten wirklich nicht zum Lachen sind. Er macht Typen liebenswert, die im richtigen Leben zu einer echten Pein des Alltags werden. Machismo, Nationalstolz, Ignoranz (bis in die »afrikanische« Rahmenhandlung hinein) werden zugleich verspottet und wieder gefeiert: Der wahre Italiener erwacht, wenn ein »Wikinger« den eigenen Fraß als »italienische Küche« zu bezeichnen wagt. Und vor Ehe und Vaterschaft kann man sich dann eben doch nicht drücken; das Prinzip Familie kann nur gewahrt werden, wenn aus dem Muttersöhnchen ein Familienvater wird. Haben wir gerade eine »Botschaft« erhalten? Wenn, dann ist es keine, die einem nachhaltig den Spaß verderben will. Es gibt kein Klischee, das hier nicht durch den Kakao gezogen würde. Es gibt aber auch keins, das ernsthaft widerlegt würde. »Quo Vado?« ist wie eine Pizza, die der Cameriere mit viel mehr Schwung serviert, als sie eigentlich verdient hat.

Georg Seeßlen

 

  

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.strandgut.de

 

  

  

Der Vollposten
(Quo vado?) Italien 2016 - 86 Min. - FSK: ab 6 Jahre - Kinostart(D): 22.09.2016 - Regie: Gennaro Nunziante - Drehbuch: Gennaro Nunziante, Checco Zalone - Produktion: Pietro Valsecchi - Kamera: Valerio Evangelista, Vittorio Omodei Zorini - Schnitt: Pietro Morana - Musik: Checco Zalone - Darsteller: Checco Zalone, Eleonora Giovanardi, Sonia Bergamasco, Maurizio Micheli, Lino Banfi - Verleih: Weltkino Filmverleih

 

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays