zur startseite
zum archiv
Vorstadtkrokodile
Es beginnt schwindelerregend, fast wie
in Hitchcocks „Vertigo". Mit dem Unterschied, dass heller
Tag herrscht, dass wir im Ruhrgebiet sind und dass ein Kind an der Regenrinne
hängt. Hannes hat eine Mutprobe zu bestehen, um in die Kindergang der „Krokodile"
aufgenommen zu werden. Der Initiationsschmuck, ein Anhänger mit Krokodilmotiv
an einer Kette, ist am Dachfirst einer alten Ziegelei befestigt. Unten drücken
die Krokodiler - so der gruppeninterne Slang - die Daumen, oben arbeitet sich
der Prüfling von Ziegel zu Ziegel. Als Hannes jubelnd die Trophäe
in der Hand hält, hat er den Rückweg noch vor sich. Der Junge rutscht
aus, Dachziegel brechen, bald baumelt Hannes an seiner instabilen Krokodilkette
über dem Abgrund. In letzter Sekunde breitet die überraschend herangeeilte
Feuerwehr das Sprungtuch aus. Maria, das einzige Mädchen in der Bande und
Schwester des Anführers Olli, wundert sich: Zeigte ihr Handy, mit dem sie
Hilfe herbeirufen wollte, doch ein Funkloch an. Wer war der heimliche Retter?
Der Jugendroman „Vorstadtkrokodile"
von Max von der Grün (1926-2005) ist über 30 Jahre alt. Kurz nach
seinem Erscheinen kam Ende 1977 eine erfolgreiche WDR-Version ins Fernsehen.
Christian Ditter, Regisseur und neben Martin Ritzenhoff Drehbuchautor der Neuverfilmung,
hat den Stoff geschickt an heutige Verhältnisse angepasst. War in den 1970ern
die komplette Familie noch Standard, lebt Hannes im neuen Film mit seiner alleinerziehenden
Mutter zusammen. Die ist keine Hausfrau mehr, sondern Kioskbetreiberin und nebenbei
Studentin. Auch die Zusammensetzung der Krokodiler wurde einer Generalüberholung
unterzogen. Anders als in Grüns Roman mischt ein Junge namens Elvis mit,
der leicht autistische Züge aufweist. Und der Grieche Jorgo komplettiert
die Truppe. Trotzdem ist das Sujet Ausländerfeindlichkeit nicht aus der
Kinoversion verschwunden. Die Ressentiments, zentrales Thema der Vorlage, haben
sich auf andere Bevölkerungsgruppen verlagert. Die Italiener oder Griechen
von damals sind die Albaner von heute. Geschärft wurde gegenüber dem
Roman der Eindruck, dass die Clique eine Gemeinschaft aus Außenseitern
darstellt (und wohl auch daher gegenseitige Vorurteile spielerisch zu überwinden
vermag). Olli spürt die Einsamkeit des Anführers, Maria muss sich
als einziges weibliches Mitglied durchsetzen, Peter stottert, Frank ist zwischen
Gruppe und Familienräson hin- und hergerissen.
Am schwersten tut sich freilich Kai, der
im Rollstuhl sitzt. Von seinem Kinderzimmerfenster aus wurde Kai via Teleskop
Zeuge von Hannes’ Mutprobe; er war es, der die Feuerwehr gerufen hat. Hannes
bedankt sich bei seinem Lebensretter und schließt spontan Freundschaft
mit dem behinderten Jungen. Hannes will, dass auch Kai ein Krokodiler wird.
Ein Plan, der erwartungsgemäß auf Widerstände in der Gruppe
stößt. Auch die zentrale Figur des Kai (im Roman heißt er Kurt)
wurde im Drehbuch modifiziert. Im Roman macht er eine deutlichere Entwicklung
durch, muss seine Courage erst entdecken. Im Film lernen wir einen per se selbstbewussteren
Jungen kennen, der via Webcam Kontakt mit seinen behinderten Freunden hält.
Seine Mutter möchte, dass ihr Sohn eine Förderschule für Körperbehinderte
besucht, doch Kai fühlt sich zu den Normalos hingezogen. Als er Augenzeuge
eines nächtlichen Einbruchs wird und dann viel Spürsinn beweist, werden
auch die Skeptiker innerhalb der ins Detektiv-Fach wechselnden Bande aufmerksam.
Wenn Kai später den mit Feuerwerkskörpern aufgerüsteten Rollstuhl
in ein Turbo-Gefährt verwandelt, das ihm die Flucht vor drei jugendlichen
Widersachern ermöglicht, flippt der Film vielleicht zu sehr in Richtung
Teenie-Reißer aus. Aber die ernsthaften Anliegen der Grün’schen Vorlage
werden mit solchen Actionsequenzen auch nicht überdeckt, nur unterhaltsamer
verpackt. Ein „Spielberg’sches" Intermezzo in der abbruchreifen Ziegelei
zählt ebenso zu solchen erträglichen Konzessionen an die Popcornfraktion.
Erfreulich, wie diszipliniert sich Stars wie TV-Comedian Axel Stein im Verbrechertrio,
Nick Romeo Reimann als Hannes - bekannt aus den „Wilden Kerlen" - sowie
Maria Schrader und Nora Tschirner als Mütter ins Ensemble einfügen.
Eine Entdeckung ist Fabian Halbig als rundum überzeugender Kai. Der Schlagzeuger
der Punkrockband Killerpilze spielt hier seine erste Kinorolle. Ein Kabinettstück
auf dem Rasen des Minigolfplatzes, der für Rollstuhlfahrer tabu sein soll,
liefert Martin Semmelrogge. Hier spielt er den erst grantelnden, dann vor der
kindlichen Chuzpe kuschenden Platzwart. In der 77er-Version war er noch als
jugendlicher Gauner zu sehen, den Minigolfplatzbesitzer spielte sein Vater Willy
Semmelrogge.
Dass selbst die Polizei bis fast zum Schluss
glaubt, albanische Kinder steckten hinter den Diebstählen, macht die Lage
für Kai und seine neuen Freunde schwierig. Bald erhärtet sich Kais
Verdacht, dass ausgerechnet der große Bruder von Mit-Krokodil Frank die
Diebe anführt - einer ohne Migrationshintergrund! Offensichtlich sind es
die weithin als harmlos geltenden älteren Nachbarjungs, die ein geheimes
Warenlager in der alten Ziegelei angelegt haben. Die Zeitungsnachricht von der
anstehenden Sprengung der Ziegelei bringt die Krokodiler auf den Plan. Sie wissen,
dass die Gauner ihr Diebesgut in Sicherheit bringen müssen. Es wird in
der Nacht geschehen, und die Krokodile werden da sein. Natürlich ist Kai
mit von der Partie. Seinen Bogen und die Pfeile mit Stahlspitzen packt er zur
Sicherheit in die Rollstuhltaschen. Der packende Showdown rundet die filmisch
tadellos erzählte Geschichte ab. Eine Krokodilplakette gebührt Christian
Ditter und seinem mobilen Kameramann Christian Rein. Die neuen „Vorstadtkrokodile"
beweisen, wie gut sich Max von Grüns Appell zur Integration und Aufmerksamkeit
noch immer für die Leinwand eignet. Es lohnt sich überdies auch, den
Roman noch einmal zu lesen.
Jens Hinrichsen
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: film-Dienst
Vorstadtkrokodile
Deutschland
2009 - Regie: Christian Ditter - Darsteller: Nick Romeo Reimann, Fabian Halbig,
Manuel Steitz, Leonie Tepe, Axel Stein, Jacob Matschenz, Oktay Özdemir,
Nora Tschirner, Smudo, Maria Schrader, Martin Semmelrogge, Ralf Richter - Länge:
98 min. - Start: 26.3.2009
zur startseite
zum archiv