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Winnetoons – Die
Legende vom Schatz im Silbersee
Mangelnden Respekt vor Karl May beklagte
einst Pierre Brice, Winnetou vom Dienst in Horst Wendlandts Indianer-Filmen
der 1960er-Jahre. Sein Adressat (auf der „Wetten, dass“-Couch im Oktober 2001)
war Bully Herbig, also ausgerechnet jener Comedian, der mit seiner „Schuh
des Manitu“-Blödelei
(fd 34 974) der Fangemeinde von Karl Mays Abenteuerromanen im neuen Jahrtausend
wieder kräftigen Zulauf verschafft hatte. Hier irrte der Alt-Apache, denn
gute Parodien verehren ihren Gegenstand.
Dieser Respekt ist auch in der Zeichentrickserie
„Winnetoons“ zu spüren, die seit 2002 im deutschen Fernsehen läuft.
Jetzt erobern Winnetou, Old Shatterhand & Co. in animierter Version auch
die Leinwand. Als Vorlage diente Mays Abenteuerroman „Der Schatz im Silbersee“,
der 1962 auch das Pilotprojekt der Filmserie mit Brice und Lex Barker war (fd
11 679). Im Zeichentrick wirken die edlen Helden ein wenig wie Entwürfe
für männliche Partner der Barbie-Puppe. Als Identifikationsverstärker
fürs kindliche Publikum wird der Waisenjunge Bobby eingeführt, der
aus einem an „Gangs of New York“ (fd 35 802) gemahnenden Milieu stammt und mit
der Eisenbahn von der Ostküste in den Wilden Westen aufbricht. Im Gepäck:
ein Lageplan, der den Weg zum legendären Goldschatz im Silbersee weist.
Bobbys erste Station ist Arizona, wo er mit den Blutsbrüdern und Winnetous
Schwester Nscho-tschi Freundschaft schließt, ein Apachenkind à
la Disneys Pocahontas, das hier zeitgemäß als Rebellin gegen den
großen Bruder und als sympathische Kratzbürste auftrumpft. Nscho-tschi
und Bobby werden vom finsteren Colonel Brinkley und seinen Kumpanen entführt,
die an die Schatzkarte heranwollen. Dann brechen beide Parteien zu Pferd gen
Silbersee auf, der nicht wie bei Karl May in den Rocky Mountains liegt, sondern
gut 2000 Kilometer weiter südlich im früheren Reich der Azteken. Wie
bereits der dynamische gelb-rote Titelschriftzug ahnen lässt, gerät
der Showdown auf einer Totenkopfinsel zu einer Art Indiana-Jones-Parcours, der
von Fallstricken, Geröll-Lawinen, flammender Lava und übernatürlichen
Erscheinungen gesäumt ist (das gleichnamige Computerspiel ist seit anderthalb
Jahren auf dem Markt).
Sehr viel mayscher Geist weht nicht mehr
durch dieses für Kinder durchaus spannende, für die ganz Kleinen sicher
auch eine Spur zu gruselige Abenteuer. Mit Nebenfiguren, die dramaturgisch wenig
konsequent eingesetzt sind, geht der Zeichentrickfilm freilich allzu verschwenderisch
um. Im Gegensatz zu Bobbys Ratte Winchester, die einige schöne Action-Haken
schlägt, haben Nscho-tschis tierische Begleiter nicht mehr Funktion als
durch die Prärie rollendes Gestrüpp. Auch Tante Droll und Frank Hobble
– im alten Silbersee-Film gestrichen – sowie Sam Hawkins – der nur in der Erstverfilmung,
aber nicht im Roman vorkommt – wirken mit ihren kurzen Einsätzen verzichtbar.
Die Sprecherbesetzung mit Thomas Fritsch, Christian Tramitz und Cosma Shiva
Hagen ist edel. In puncto Animationsstil hätte sich die Produktion auf
den 2D-Modus beschränken sollen: Umschnitte auf unvermittelt in 3D-Illusion
heranrollende Eisenbahnzüge oder Kutschen wirken äußerst störend.
Einmal mehr wird deutlich, wie wichtig im Animationsfilm stilistische Einheitlichkeit
ist. So viel Respekt vor den großen, handgemachten Zeichentrick-Klassikern
muss sein!
Jens Hinrichsen
Dieser Text ist zuerst erschienen
in: film-Dienst
Winnetoons
- Die Legende vom Schatz im Silbersee
Deutschland
/ Belgien 2009 - Originaltitel: Winnetoons, The Secret of Silver Lake - Regie:
Gert Ludewig - Darsteller: (Stimmen) Sascha Draeger, Christian Tramitz, Cosma
Shiva Hagen, Thomas Fritsch - FSK: ab 6 - Länge: 80 min. - Start: 16.4.2009
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