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Zweiohrküken
Beziehung
anzufangen, ist nicht schwer, Beziehung führen dagegen sehr. Das gilt nicht
nur für den konkreten Einzelfall, sondern ganz allgemein - weil Frauen
und Männer, herrje, einfach zu verschieden sind. Auf diese Formel lässt
sich Til Schweigers Fortsetzung seines Erfolgsfilms "Keinohrhasen"
(fd 38 532) herunterbrechen - womit Schweiger ein weiteres Mal das Feld beackert,
auf dem auch Mario Barth und Roger Cicero ertragreich ernten. Erstaunlich ist
dabei, wie es Schweiger gelingt, die Beschränktheit insbesondere seines
Protagonisten Ludo zu decouvrieren und zugleich die daraus resultierende triviale
Handlung ohne einen Funken Selbstironie zu inszenieren. Seit einiger Zeit leben
Ludo und die eigensinnige Kindergärtnerin Anna nun schon zusammen, aber
noch immer gibt es dauernd Streit wegen Ludos kindischem Verhalten bei der Haushaltsführung.
Pfandflaschen werden versteckt und nicht entsorgt, dreckige Sportkleidung bleibt
mitten im großzügigen Loft einfach liegen, und natürlich vergisst
Ludo immer wieder, dass er mit dem Einkaufen an der Reihe gewesen wäre.
Anna signalisiert fortwährend Bereitschaft für anstehende Beziehungsdiskussionen,
aber Ludo weiß: Ein Mann ist ein Mann - und darüber muss man nicht
diskutieren.
Andererseits
sind Frauen auch nicht ohne: Man bekommt eine ausführliche Lektion in Sachen
"Zickenkrieg oder wie man als Ex der neuen Freundin des Ex den Ex ausspannt",
und zwar in Theorie und Praxis. Auch lernt man, dass die Wahl der passenden
Schuhe zum Kleid eine Entscheidung von einiger Tragweite ist, die gebührend
bedacht sein will. Da man derlei Allerweltseinsichten in die Geschlechterbeziehungen
in den vergangenen Jahren auf jedem nur denkbaren popkulturellen Niveau vorgesetzt
bekam, staunt man, dass "Zweiohrküken" hier immer noch punkten
will, zumal auch die Pointen nicht gerade die frischesten sind. Sagt die eine
Frau: "Ich bekomme von neuen Schuhen immer Blasen." Antwortet die
andere Frau: "Bei mir ist das umgekehrt!"
Sowohl
Ludo als auch Anna haben zahllose Beziehungen und Affären hinter sich,
weshalb sich der gemeinsame Alltag auch an den Erinnerungen reibt, insbesondere,
wenn die Erinnerung plötzlich leibhaftig und zudem äußerst attraktiv
vor der Wohnungstür steht. Dann setzt Misstrauen ein, und das Rattenrennen
beginnt: Frauen mustern ihren Körper im Dessousgeschäft, Männer
neigen zum Vergleich der Länge ihrer Geschlechtsteile. Gleich mehrfach
labt sich der Film an der Vorstellung, ein Penis gewaltigen Ausmaßes könne
eine Einstellung dominieren. In einer Nebenhandlung schlägt sich Matthias
Schweighöfer schwitzend mit seiner vergleichbar großen Notdurft herum,
die aus dem Klo gefischt und entsorgt werden muss. Überhaupt die Figuren:
Bezog "Keinohrhasen" seinen Charme daraus, dass der Bezug zu real
existierenden Milieus noch bestand, so flottiert "Zweiohrküken"
frei im Ungefähren. Der Film hangelt sich von Szene zu Szene, von Gag zu
Gag - und wenn es mal klemmt, dann kommen die süßen Kindergartenkinder
zum Zug, um für naiv-ungebrochene Emotionen jenseits der Grabenkämpfe
des Geschlechterkriegs zu sorgen. Mit den Kindern versteht sich der Macho Ludo
übrigens erstaunlich gut, was psychologisch vielleicht nicht ganz zu Ende
gedacht erscheint, dafür aber den weichen Kern des harten Kerls profilieren
hilft. Dieser weiche Kern ist ganz wichtig, weil er es ist, dessen Herausarbeitung
den Miniplot auf kolossale 124 Minuten streckt. Nicht nur Ludo ändert dabei
seine Charaktereigenschaften beliebig nach den Anforderungen der jeweiligen
Szene, sondern auch andere Figuren: So verfügt die graue Maus Anna offenbar
über ein reges sexuelles Vorleben, was nicht so recht zu ihren regressiven
Schlafanzügen passen will, was wiederum nicht zur Beziehungsarbeiterin
Anna passt.
So
hastig, unstimmig oder widersinnig hier manches zusammengezimmert wurde, so
erstaunen doch einige andere Themen, die obsessiv ausgebreitet werden: die "Pros"
und "Cons" der Intimrasur, die im Suff drohende Gefahr homosexueller
Intimitäten und nicht zuletzt die Angst, im Spiel mit den Gefühlen
manipuliert zu werden. Denkt man all diese Momente zusammen und addiert jene
entscheidende Szene hinzu, in der Ludo einen Liebesbrief an Anna verfasst (keine
SMS, keine E-Mail), dessen Aufrichtigkeit und Tiefe ihn selbst zu Tränen
rühren, dann ahnt man mit Schrecken, wo die Emotionalität dieses männlichen
Selbstverständnisses historisch zu verorten ist. Die Helden von "Keinohrhasen"
und "Zweiohrküken" befinden sich auf dem besten Weg in jene Empfindsamkeit,
mit der die bürgerlichen Subjekte um 1750 aufbrachen, eine verbindliche
Sprache für ihre Gefühle auf ihre Tragfähigkeit zu erproben.
Man darf gespannt sein, welche Kapriolen die Filmografie Til Schweigers künftig
noch schlägt. Aktuell repräsentiert sie eine notdürftig "komisch"
camouflierte reaktionär-infantile Grundhaltung, deren Erfolg beim Publikum
tatsächlich zu Sorge Anlass gibt.
Ulrich
Kriest
Dieser
Text ist zuerst erschienen im: film-Dienst
Zweiohrküken
Deutschland
2009 - Regie: Til Schweiger - Darsteller: Til Schweiger, Nora Tschirner, Emma
Tiger Schweiger, Matthias Schweighöfer, Ken Duken, Edita Malovcic, Pegah
Ferydoni, Uwe Ochsenknecht - Prädikat: wertvoll - FSK: ab 12 - Länge:
124 min. - Start: 3.12.2009
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