zur startseite

zum archiv

zu den essays

Zwei Tage, eine Nacht


 

Gerade die Gerechtigkeit

Eine Versuchsanordnung von beklemmender Sachlichkeit, trotzdem nicht ohne Hoffnung: "Zwei Tage, Eine Nacht", der neue Film der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne.

Marion Cotillard ist Sandra. Sandra will nach einer Auszeit wegen Depressionen zurück in ihren Job. Sie arbeitet bei einer kleinen Solarfirma und muss erfahren, dass ihre Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird. Auf dem Solarmarkt konkurriert man mit China, die Lage ist hart. Der Chef hat die Kolleginnen und Kollegen vor eine Alternative gestellt, sie sollen entscheiden: Er könnte Sandra entlassen, dafür bekäme jeder von ihnen eine Prämie von 1000 Euro. Das ist viel Geld. Die Abstimmung fällt eindeutig aus: Die 16 Kolleginnen und Kollegen wollen mehrheitlich nicht Sandra, sondern die Prämie. Juliette, eine Kollegin und Freundin, drängt Sandra, eine erneute Abstimmung herbeizuführen, weil der Chef bei der vorangegangenen zu manipulativ vorging. Das wird gewährt. Sandra hat ein Wochenende - zwei Tage, eine Nacht - Zeit, die Kolleginnen und Kollegen auf ihre Seite zu bringen. Am Montag fällt die definitive Entscheidung.

Das ist die Ausgangssituation, und sie hat die Klarheit und Künstlichkeit einer Versuchsanordnung. Jean-Pierre und Luc Dardenne, die Leiter des Experiments, stellen ein paar weitere Parameter ein, vor allem in Sandras privatem Umfeld: Sandra hat nicht nur die Freundin Juliette, sondern auch einen Mann, Manu, und zwei Kinder. Der Mann ist kampfbereit, solidarisch, unterstützt sie, treibt sie an, ihretwegen, der Sache wegen. Er ist beinahe so etwas wie ein Trainer beim Boxen. Sandra zieht in den Kampf, klingelt an einer Tür nach der andern, fragt, fleht, versteht, trifft auf Ablehnung oder Verständnis, auf Offenheit und Verdruckstheit, steckt Schläge ein, teilt keine aus, und kehrt nach jeder Runde ins gemeinsame Haus wie in die Ecke des Boxrings zurück. Dort wartet Manu, fächelt ihr Luft zu, tröstet sie in ihrer Schwäche und ihrer Verzweiflung, und treibt sie erneut an.

Eine Tür nach der andern. Der Film zieht das durch. Er lässt selbst nicht nach. Verzweifelte Sturheit wird Form: Wieder und wieder steht Sandra vor einer Tür. Wieder und wieder erklärt sie die Lage. Und sie bekommt Antwort. Von Timur auf dem Fußballfeld, der vor Scham fast zusammenbricht. Von Anne, die will, aber nicht darf, weil ihrem Mann das Geld wichtiger ist. In der Serie spielt das Drehbuch beinahe alle denkmöglichen Reaktionsformen durch. Ablehnung, Zögern, Brutalität, Scham, Ausweichen, Nachdenken, die Zerrissenheit zwischen Not und Gebot. Zwar läuft es hinaus auf die Bilanz, zwar muss Sandra neun ihrer sechzehn Kollegen dazu bringen, sich auf ihre Seite zu stellen, zwar bezieht der Film aus der Frage danach, ob es reicht oder nicht, seine geradezu thrillermäßige Spannung.

Eigentlich aber will diese Versuchsanordnung auf etwas anderes hinaus: Sie individualisiert. Sie zerlegt eine geradezu überscharf gestellte ethische Frage - Geld oder Solidarität - in Einzelschicksale. Auch darum schaltet der Film die Frage in Serie, gibt einer Kollegin, einem Kollegen nach dem anderen ein je unterschiedliches Gesicht. Jede hat ihren Grund. Jeder Fall hat Gewicht. Nicht nur insistiert Sandra, präsentiert wieder und wieder ihre Situation; auch der Film insistiert: Urteile jedes Mal wieder selbst. Man kann auch jene verstehen, die die Prämie vorziehen, die sich nicht erweichen lassen; fast alle führen sie den Kampf um die richtige Entscheidung auch mit sich selbst.

Ästhetisch ergibt sich aus dieser Konstellation eine eigentümliche Verschränkung von Sozialrealismus, Ethik und (eher molekularer) Sozialphilosophie, starker Plotkonstruktion, Thrillerspannung und emotionaler Identifikation mit der Protagonistin Sandra. Eine in mancher Hinsicht sehr gefährliche Mischung. Alles steht und fällt mit dem Tarieren der Gewichte. Schon mit der Wahl Marion Cotillards gerät ein solches Gefüge potenziell aus der Balance: Ist der Fall nicht klar, muss nicht jeder sie lieben? So wird sie ins Normale gedimmt. So weit es geht, zeigt der Film die potenzielle Solararbeiterin im Oscar-Star. Und ja: Es geht, und es geht nicht. Aber da kommt die offen ausgestellte Didaktik zu Hilfe. Der Film will nicht Realität suggerieren, sondern einen (nicht unwahrscheinlichen) Fall demonstrieren. Er ist auch eine philosophische Untersuchung, die die typischen Züge einer denkbaren Anordnung zeichnet, die übertreiben und vereinfachen, die aber nicht falsch vereinfachen darf.

Und sie vereinfacht nicht falsch, denn sie stößt auf etwas Irreduzibles: das konkrete, in die Entscheidung gestellte Individuum. Darum ist es so wichtig, dass eine jede Kollegin, ein jeder Kollege ein Gesicht hat, einen inneren Kampf und seine Gründe. Das ist der Unterschied zu "Rosetta", dem Film, der die Dardennes vor fünfzehn Jahren auf einen Schlag berühmt gemacht hat: Da hatten sie ein ästhetisches Verfahren gefunden (nicht erfunden), das die totale Konzentration auf die Protagonistin in eine kamerakörperliche Identifikation übertrug. Zug um Zug haben sie ihre Filme und auch die Kameraarbeit seither in eine weniger beklemmende Sachlichkeit objektiviert.

Mancher beklagt das, und in der Tat treten die konventionellen Züge, der Experimentalanordnungscharakter und die ingeniösen Plotkonstruktionen nun stärker hervor. Gerade dadurch gewinnt das Dardenne-Kino aber auch eine neue und größere Transparenz: Die Setzungen, die sie schon immer vornahmen, sind nicht länger verdeckt. Nicht verändert hat sich ihr grundsätzlicher philosophischer Optimismus, der weniger Naivität geschuldet ist als einem ausdrücklichen, weniger analytischen als sehr gezielt gesetzten Dennoch. Es gibt keinen Grund, die Hoffnung ganz fahren zu lassen, auch wenn es stets kompliziert ist. Als Satz klingt das platt. Wenn man es in einem Dardenne-Film vor Augen geführt bekommt, ist es das nicht. Darum sind die Enden so wichtig. Happy Endings sind sie nicht, aber sie schließen nie die Tür zu einem möglichen glücklichen Ausgang. Sie bewahren die Komplexität der entfalteten Experimentalsituation nach Möglichkeit auf.

Sozialphilosophie ist nicht Politik. Politische Filmemacher sind die Dardennes tatsächlich nicht. Sie stellen Fragen und zeigen Geschichten, in denen die Politik vor allem als Implikation präsent ist. Es fiele nicht schwer, aus der Entsolidarisierung, die "Zwei Tage, eine Nacht" als Lage der Dinge vorführt, auf die Notwendigkeit etwa eines Betriebsrats auch bei kleinen, in die Konkurrenzsituation mit China gestellten Firmen zu schließen. Natürlich enthält ein Film wie dieser potenziell scharfe Kritik an einer gesellschaftlichen Lage, die unerträgliche Notsituationen wie die vorgeführte nicht nur erlaubt, sondern mit ebenso zwingender Logik hervorbringt wie sie Solidarität untergräbt. Gerade die Insistenz, mit der die Dardennes auf Figuren wie Sandra blicken, gerade die Gerechtigkeit, die sie ihr und ihren Kolleginnen widerfahren lassen, hindert sie, den Blick ins Allgemeine zu heben. Und darum wird Sandra erst mit dem Schlussbild weniger in eine offene Zukunft (das wäre die Lektüre dieses Bilds als Klischee) als in ein dann von anderen als den Dardennes auszubuchstabierendes Allgemeines entlassen.

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: www.perlentaucher.de

Zu diesem Film gibtís im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Zwei Tage, eine Nacht
OT: Deux jours, une nuit - Belgien / Frankreich / Italien 2014 - 95 min. - Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne - Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne - Produktion: Peter Bouckaert, Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne - Kamera: Alain Marcoen - Schnitt: Marie-Hélène Dozo - Verleih: Alamode - FSK: ab 6 Jahren - Besetzung: Marion Cotillard, Olivier Gourmet, Fabrizio Rongione, Catherine Salée, Christelle Cornil - Kinostart (D): 30.10.2014

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays