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In eigener Sache

 

In der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz stehe ich vorn an der Rampe, nackt, und gieße mir aus einem Zinkeimer blutiges Gedärm über den Kopf. Wer bin ich, wo bin ich, was mache ich hier? Gott sei Dank konnte ich die Fragen beantworten. Ich bin Werner Nitsch, wiener Aktionskünstler der frühen sechziger Jahre. Ich bin im Schlingensiefstück ATTA ATTA - die Kunst ist ausgebrochen. Und ich performe grad den "Zerreißungsexzeß, wo Tod und Geburt eins werden. Im Urknall wird die Geburt des Weltalls durch mich vollzogen". Die Aktion ist nicht nur durch diesen verbalen Erguß legitimiert. Ich berufe mich außerdem auf den kirubinischen Wandersmann Angelus Selesius, den Schlesier: "Je mehr Du Dich aus Dir kannst austun und ergießen, je mehr muß Gott in Dich mit seinem Samen fließen". Das hat der Prediger 1679 gesagt, wie auch heute über google zu finden ist. Ob das nun eine Einladung aus dem 17. Jahrhundert zu göttlichem Analverkehr war oder nicht, die Bühnenaktion ist jedenfalls mehrfach abgesichert. Nächste Aufführungen: 23. März, 1., 4. und 29. April Volksbühne, Berlin.

 

Gleich nach der Aktion vom 11. Februar war eine dieser Lesungen aus dem Kuhlbrodtbuch. Ich saß im Kaffee Burger in Berlin, gleich um die Ecke vom Rosa-Luxemburg-Platz, und las die Geschichte vor, die zuerst im Schnitt gestanden hatte. Sie endet damit, daß ich schwöre, nie mehr öffentlich Weingläser aufzuessen, diese Manie aus Nazizittau. Das war der Moment, in dem ich nicht anders konnte, als in das Glas zu beißen, das ich vor mir stehen hatte. Denn die Scherben vor einem Mikro zu zerkauen, kommt gut. - Auch dieser Akt war in mehrfacher Hinsicht in Ordnung. Erstens blieb die Selbstverstümmelung potentiell, keine einzige Scherbe schlitzte Speiseröhre oder niederes Gedärm von innen auf. Zweitens hatte im Buch gestanden, daß ich im Kaffee Burger eventuell rückfällig werden könnte. Und drittens war die Aktion dadurch legitimiert, das sie einen Text illustrierte. Also wieder alles okay. - Nächste Lesungen am 17. März im Literarischen Salon Hannover, Königsworther Platz 1, und live am 6. April von 13.30 bis 15 Uhr im Deutschlandfunk Köln ("Zwischentöne").

 

Ich bin feige, abgesichert von diesem und jenem. Der radikale Exzeß wäre der, der keine Begründung braucht. Der passiert. Der Spielfilm "Adaptation", den ich vor einer ATTA ATTA-Aufführung auf der Berlinale sah, war noch nicht ganz soweit. Es gab ein bißchen Psychologie, wie sie für einen Hollywoodfilm halt gebraucht wird. Aber der Hollywoodkörper, wenn ich mir das hier so ausspinnen darf, verstümmelt sich in "Adaptation" ganz schön selbst. Im Kaputtmachakt, dem letzten Akt. Meryl Streep, bis dahin gefestigte Orchideenforscherin, ist von einem Tag auf den anderen um ein Jahrzehnt gealtert In ihrer Orchideendrogenproduktion zieht sie sich lange grünen Bahnen in die entzündete Nase. Gelbe Zotteln fallen ihr ins Gesicht. Die brave Frau wird zur Sexschlampe und Killerin. Das alles aus den dramaturgischen Gründen, die Hollywoodproduzenten ihrem Hollywoodprodukt antun. Halt! Ich hab das Krokodil vergessen; es frißt Meryl Streeps potenten Sexpartner auf. - Hollywood verstümmelt sich selbst. Dank Spike Jonze, dem Regisseur.

 

Aber noch steckt in diesem Film eine Botschaft. Und das hätte nicht sein müssen, wie Spike Jonze, der Erfinder der MTV-Jackass-Serie, längst bewiesen hat. Seit Ende Februar läuft auch bei uns der neue Film, den er mitproduzierte: "Jackass - der Film". Und jetzt sehen wir Europäer alt aus: die fröhlichen jungen Männer, die sich vor der Kamera selbst verstümmeln, tuns aus Spaß an der Freud, moment: am Schmerz. Keine Legitimierung, keine Botschaft, nichts, nirgends. Es passiert. Ein Nackter tackert sich - mit freundlicher Unterstützung aus dem Publikum - den Hodensack an die Schenkel, einmal rechts und einmal links. Er krümmt sich. Es tut weh. Schön weh.

 

Gewalt und Schmerz an sich selbst erfahren, bevor man sie andern zufügt, ja "'Jackass' ist antiautoritäres Kino in seiner regressivsten Form, und das ist heute ... wieder nötig" (taz 27.2.03). Was genau meinte Andreas Busche? Bestimmt, daß der regredierte Präsident sich als erstes das Scrotum selbst antackern müßte. Was er bis zum Erscheinen dieser Ausgabe allerdings nicht getan haben wird.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im April 2003 im: Schnitt 

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