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Überhand

 

Graz. Der Schloßbergplatz. Im Pflaster warnt ein Bronzeband: "Ganz nah an Graz! Die Berge nehmen überhand!" Wir nahmen das ernst und blieben, wo wir waren. Heinz Badewitz (der aus Hof) hatte eine Flasche Champagner unterm Arm (für das Team der Diagonale), das tut man, wenn man glücklich ist, und auf Österreichs Filmfest waren alle glücklich. Nichts davon, was andernorts überhand nimmt: von Glamour überwältigt werden, den alles überragenden Mainstreamfilm abfeiern oder sonstwie fremde Produkte managen. In Graz ging das nicht, weil all das junge Volk, das zwischen und vielleicht auch während der Filme auf der Straße saß, das Pflaster voll mit Cafés, - weil das Volk also selbst der Glamour war und sich selbst feierte und das in aller Gemütsruhe, um nicht cool zu sagen.

 

Gut, hinter den sieben Bergen gabs die ministerielle Behördenspitze, das Kanzleramt, den großen Förderer, den Kunststaatssekretär, den Morak. Nach Wien konnte man nicht gucken, nach Graz kam er nicht, die Diagonale 2004 hatte er zu Fall zu bringen versucht. Ein Feind also, wenn auch ein zahlungskräftiger? "Mit Wien ist das Verhältnis schon okay", verkündete Birgit Flos von der neuen Dreierintendanz, und das klang so, als ob es die Mühe nicht lohne, einen Popanz aufzubauen oder sonstwie in die Höhe zu gehen. Im Kulturforum Stadtpark holte sich die geniale Gruppe Maschek den Morak ins Haus, d.h. was von ihm im Bildmedium aufgezeichnet war, synchronisierte live und analysierte einwandfrei, wie der gewünschte ideale österreichische Film aussehen müßte. Das war punktgenau, und man konnte sitzenbleiben, falls man einen Platz gefunden hatte.

 

Und man mußte nicht den Spielfilmen hinterherrennen, nur weil sie die Festivalrenner sind. Nein, in Graz ist es eben nicht wie anderswo. Gewiß, gezeigt wurde die Jahresproduktion. Aber die Spielfilmmesse fand sich am Rand wieder. Allzuviel gab es nicht, und davon war schon einiges im Kino gelaufen. Tapfer versuchte die Filmwirtschaft auf sich aufmerksam zu machen. Sie lud ins Landesmuseum, war es doch wohl.

 

Zurück zum Zentrum, den hunderten von Dokumentar-, Experimental- und Kurzfilmen aller Art. Sie hatten das Sagen, und sie sagten denen was, die sich draußen in den Straßencafés was sagten. Ein bißchen einlassen auf den anderen, das muß schon sein. Was macht der da eigentlich im Dunkeln? Ist das ein Kopf? Was ist das, was geredet wird? Will was ans Licht? "dark. reading", der 4-Minuten-Film von Judith Fischer ist nackte Poesie, und die Kamera (Georg Wasner) sucht im Tageslichtdunkel nach dem, was auf die Brust drückt, ein Alb, ein Fels, ein Überhandenes.

 

Man traut sich. Man läßt es geschehen. Es ist ganz einfach, weil es im Zentrum ist, und man ist das Zentrum. Drum kann das Bild seinen Weg gehen und den schlauen Text sabbeln lassen: "Preserving Cultural Traditions in a Period of Instability" von den Ford Brothers (John & Henry). - Wer sich in den eigenen vier Wänden abfilmt, vor dem, was er schon abgefilmt hat, ist autark; er hat seinen Spaß zwischen Plastikratte und Plastikgorilla ("Home Fun", Dieter Brehm).

 

Euphorisch das, dieses Sich-zeigen, dieses Aus-dem-dunklen-Kino-auf-die-helle-Straße-gehen. Dieses Beides-tun. Ekstatisch werden! Machatys "Ekstase" (1933) gab den Titel für die Diagonale. Hedwig Kiesler war damals aus dem Halbdunkel ins Rampenlicht gekommen: Hedy Lamarr! Und ich bin so alt wie "Ekstase". Und im "Gustav Machaty"-Buch, das in Graz vorgestellt wurde, bin ich drin! Akzeptiert von den Forschern der Synema-Gesellschaft! Weil ich es geschafft habe, auf 13 Seiten 64 Fußnoten unterzubringen - zu "Ekstase"! Ach wie gut, daß keiner weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß!

 

Ein Tip noch: Ausrufezeichen kann man tanzen (Disco. Grete Tiesler!), und man sie spielen, und das geschah während der Diagonale im Grazer Schauspielhaus: Canettis "Die Blendung", inszeniert von Friederike Heller. Franz Solar warf in den eigenen 4 Wänden die Bücherberge über den Haufen und trieb heraus, was im Bibliothekshalbdunkel in den Worten lauerte und herauswollte, wenn es sich denn traute. Aus dark.reading ins Rampenlicht. Grell! Graz!

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im Schnitt, 2005

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