Diagonale
2006
Im Frühling der
Untersteiermark: alles an Film in angenehm überschaubarem Rahmen. Das österreichische
Filmfest in Graz, die Diagonale, guckt weit über die Grenzen. Oben auf
dem Schloßberg, vorm Garnisonsmuseum, weisen Pfeile gen Slowenien, und
auf der Bastei ist in Stein gemeißelt: »Errichtet von der Landsmannschaft
der Deutsch-Untersteirer 1970«, womit die aus Maribor vertriebenen Österreicher
gemeint sind. Wenn man sich nach Norden wendet, sieht man in Deutschland nichts
Neues, soweit es um die Mesalliance von Fernsehen und Film geht.
Es kracht, wenn das ORF
von ihm koproduzierte
politische Dokus senden soll, zum
Beispiel Artikel 7, unser Recht! von Thomas Korschil und Eva Simmler, eine österreichisch-slowenische
83-Minuten- Reportage über den Kärtner Ortstafelstreit, nämlich
über das der slowenischen Minderheit durch einen Staatsvertrag zugesicherte,
aber nie gewährte Recht, auf Ortstafeln auch den slowenischen Namen der
Minderheitenheimat zu schreiben. Der Streit ist inzwischen aktuelles Politikum,
während das, was die deutsch-untersteirischen Vertriebenen in Stein gehauen
haben, Konsens ist für die Ewigkeit.
Bei den Diskussionen
mit dem ORF ging es in Graz hoch her. Die Diagonale wurde auch dieses Jahr politisch,
zwangsläufig. Denn die staatliche Anstalt schob den Grund, das Sendedatum
für den Artikel 7-Film, von der Redaktion auf die auch bei den unterdeutschen,
will sagen: bei uns deutschen Sendern, anonyme und ominöse »Rechtsabteilung«.
Genügt der Film dem »Objektivitätsgebot«? Natürlich
nicht, wenn im Sommer die Wahl des Generalintendanten ansteht und die konservative
ÖVP die Stimmen der slowenenfeindlichen FPÖ braucht. Auch beim ZDF
hat neuerdings nicht die Redaktion das letzte Wort, egal, ob sie den Film abgenommen
hat oder nicht, sondern eine namenlose Instanz, die sich auf mehr oder weniger
willkürlich auszulegende Klauseln in Staatsverträgen beruft, um einen
Film wie Männer,
Helden, schwule Nazis (Rosa von Praunheim) für die Berlinale 2006 freizugeben
oder nicht. Juristen legen mit gesteigertem Vergnügen unbestimmte Rechtsbegriffe
aus. Sie können das, und sie machen Filmpolitik. Halten wir den neuen Trend,
der selbstverständlich Farce feiger Redaktionen und Programmdirektoren
ist,
hier in Graz einmal fest.
Was läuft? Na, aus
der ORF-Vorabendserie einen 80-Minuten Film basteln (Mutterherz) und das Genre »Mysterien-Film« bedienen.
Nie von sowas gehört? Ich auch nicht. Eine Tote lebt und dann wieder nicht.
Die Schauspieler okay, die Regie hilflos. Eine Gaudi. Quote 40 bis 50%, ahne
ich, womit die Vorgabe des
ORF erfüllt wäre.
Sagen wir aber noch etwas Ausgewogenes. Der Staatssender hat einen Innovationsfonds.
Mit dessen Beteiligung kam Florian Flickers grandioser Dokumentarfilm No Name City zustande. Nah bei Wien
die Westernkulissenstadt. Aussteiger organisieren ein Home-Made-Disneyland im
Hausbesetzerambiente, bis – ja, bis ein Unternehmensberater das Unternehmen
durchrationalisiert und in die schwarzen Zahlen bringt, verkaufsfähig
auf globalem Niveau. Das war für die Rechtsabteilung frohe Botschaft, während
die Zuschauer denen applaudierten, die von der neuen Personalabteilung der No-Name-City geschaßt
worden waren.
Habe ich schon gesagt,
daß es richtig Spaß gemacht hat, auf der Diagonale gewesen zu sein?
Wohltuend, anregend, und eine schöne Schiene: der dänische Film. Für
Drehbuch-Guru Mogens Rukov, Kopenhagen, Charakter schlechthin, war der Charakter das A und O
jeden Buches. Peter Kern demonstrierte diesen humanen Ansatz in seinen kruden,
schönen, poetischen, melodramatischen, nahegehenden Donauleichen, unabhängig produziert,
ORF-frei. Ein Unikat. Genauso wie in der Sektion des Experimentalfilms die Zeitschleife,
die Gefangenschaft oder die hoffnungsvolle Latenz im Medium Film.
Es geht weiter, eventuell.
Nichts bleibt stehen – im Moment. Infolgedessen vergaben wir von der Jury des
Thomas-Pluch-Drehbuchpreises 2006 den Hauptpreis nicht an den allseits gepriesenen
Michael Haneke (Caché), sondern an Slumming von Michael Glawogger (und Barbara Albert). Wer Herr
Pluch ist, weiß ich nicht genau. Was »Slumming« ist, sollten
alle wissen, wenn der Film ins Kino kommt. www.love.at hatte zuletzt 523.476 Mitglieder (eigene Recherche).
WER IST EIGENTLICH HERR
PLUCH?
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser
Text ist zuerst erschienen im Schnitt vom Juli 2006