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Freche Fahrstühle in Graz
In der Filmfestspielstadt Graz
fuhren wir frohgemut in frechen Fahrstühlen hoch. Alle neugebaut für
die europäische Kulturhauptstadt. Endlich kam ans Tageslicht, was im "Berg
der Erinnerungen" endgelagert schien. Ja, der Schloßberg, grazer
Wahrzeichen, war umgetauft, und oben auf dem Gipfel, gleich neben dem Uhrturm,
trat mir meine Mutter wieder vor die Augen, gleich hinter der Fahrstuhltür.
In den dreißiger Jahren war sie frohgemut aus Graz zurückgekommen.
"Weißt Du, was sie da singen? Beim Tanzen? Das Sag-beim-Abschied-leise-servus
heißt jetzt: Sag beim Abschied leis Heil Hitler!" - Graz wurde Hauptstadt
der Bewegung.
Der zweite Fahrstuhl ging allein
und einsam im Gewerbeviertel, auf dem Parkplatz neben dem Schlachthaus, in die
Luft. Oben war ein putziges altes Stadthäuschen draufgesetzt. Drin war
die Düsternis einer Medienwerkstatt, die man eher im Keller vermutet hätte
(Manfred Neuwirth: Bilder
der flüchtigen Welt). Raus aus dem Gepütscher, Etablierung des Verfliegenden
im Loft. Das war für mich die Botschaft.
Und drittens, in der Altstadt,
liftete eine Kabine in einem Glasturm, der mit der berühmten historischen
Säule konkurrierte, jeweils ein halbes Dutzend Besucher zur grazer Traufhöhe
hoch. Nur zum Zweck, für drei Minuten dem Barockkopf nebenan in die Augen
zu gucken - und sich nicht mehr auf fotografische Wiedergaben zu verlassen.
Historischer Blickkontakt auf dem Jakominiplatz! Für alle!
War das nicht eine grandiose Metapher
für das, was die Intendanten der Diagonale geleistet hatten? In fünf
Jahren hatten sie die Zahl der Filmfestbesucher auf 25.000 verdoppelt. Graz
wurde zur Hauptstadt des österreichischen Films. In diesem Jahr hatten
Christine Dollhofer und Constantin Wulff Filme aus den Verliesen geholt, die
in den dreißiger Jahren leis Heil Hitler! gesagt hatten. Der Austrofaschismus
kam ins Projektionslicht.
Guckt man von oben nicht in die
Tiefe, sondern nach Süden und Osten, geht der Blick Richtung Serbien und
Slowenien. - Dollhofer/Wulff haben mit diesen Perspektiven im Diagonale-Programm
Akzente gesetzt, die in Wien nicht genehm waren. Wir sprechen jetzt vom wiener
Bundeskanzleramt. Kunststaatssekretär Franz Morak, zuständig für
Österreichs Film, ist grade dabei, die Diagonaleleiter abzuschießen.
Nach Graz war er wie die Jahr zuvor nicht gekommen. Er schottet sich in Wien ab. Ähnlich
läßt der Chef in der obersten Etage die Jalousien runter, wenn jemand
draußen vor dem Fenster mit dem Fahrstuhl hochgefahren ist und in Augenhöhe
auf den Schreibtisch guckt, und wenns nur der Betriebslift der Fensterputzer
war. Ja, Christine Dollhofer und Constantin Wulff waren gleich in der ersten
Stunde die Schüssel/Haider-Regierung frontal und in Augenhöhe angegangen.
Auf der Diagonale lief 2001 das Spontanprogramm "Die Kunst der Stunde ist
Widerstand". Es ging in eine Antihaiderdemonstration auf dem grazer Hauptplatz
über. Das Widerstands-Kollektiv bekam den Diagonale-Preis für "Innovatives
Kino".
Die frechen Fahrstühle und
Intendanten werden Anfang kommenden Jahres zurückgebaut werden. Dann ist
der Platz frei fürs Zurück. Vielleicht kommt dann der wiener Filmstaatssekretär
doch nach Graz. Weil das aber kein Anlaß ist, hinzureisen, um ihn zu begrüßen,
empfehle ich, das Jahr 2003 zu nutzen. Die Fahrstühle fahren noch, und
das Gespann Dollhofer/Wulff hat Diagonale Specials organisiert. Im Sommer lädt
ein Diagonale Open Air unter dem Titel "Crossing Europe" zu einer
ausgedehnten Reise durch das aktuelle europäische Kino ein. Im Herbst stellt
ein Tribute an Robert Frank das filmische Gesamtwerk des berühmten Fotografen
und Filmemachers vor <www.diagonale.at>.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen im Schnitt, Juli 2003
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