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Grade sah ich in einer Aufführung
des wiener Burgtheaters - "Das Werk" von Elfriede Jelinek - lange
Ausschnitte aus dem vergessen geglaubten Film "Das hohe Lied von
Kaprun" (ex "Das Lied der Hohen Tauern", BRD/Österreich
1954). Über den großen Bühnenhorizont Großaufnahmen von
Waltraud Haas und Albert Lieven. Das damals höchste Kraft-Werk Europas
majestätisch im Hintergrund. Die schöne Waltraud hat die pathetische
Lektion des Oberingenieurs brav gelernt. "So ist es", sagt der. "Ich
hab dich lieb", sagt sie.
Ende der fünfziger Jahre
hatte die ARD den Film nochmal gezeigt, dann schlichen sich erste Zweifel an
die Technikgläubigkeit ein. Die Jelinek kämpft in ihrem Werk gegen
zweifelhafte Werksverherrlichung; und die Inszenierung kämpft gegen die
Dominanz der Filmprojektion. Es ist der Kampf der Totalen gegen die Großaufnahme.
Neben dem alles beherrschenden
Technik-Paar ist ein Schauspieler auf der Bühne, der begnadete Philipp
Hauß, klein wie ein Popel. Aber er hat ein Mikro, und seine Stimme beherrscht
den Raum ebenbürtig, total. Ein fairer fight. Er spricht den Dialog mit,
improvisiert synchron. Seine Sätze kommen mal vor, mal nach den Film-Sätzen.
"So ist es". "Ich hab dich lieb".
Wie geht das Match aus? Es ist
nicht das erste Mal, daß sich das Theater den Film ins Haus holt. Gern
wird ja auch das, was auf der Bühne passiert, gleichzeitig auf die Videowand
projiziert, damit ich dich besser sehen kann. Man kennt das von Musik- und Politikveranstaltungen,
und ich ertappe mich auf der Bühne dabei - keine zehn Schritt von Schlingensief
weg -, daß ich nicht auf die Aktion gucke, sondern auf die Projektion,
als ob ich zuhaus vorm Schirm säße. Man sitzt und guckt. Ziemlich
passiv das Ganze. Das ist unsere TV-Konditionierung. In der Theater-Totalen ist der Zuschauer
dagegen gefordert. Er aktiviert seine Sehorgane und guckt herum. Dazu braucht
es weder Kamerafahrt noch Zoom oder dergleichen Ersatz- und Hilfsmittel. Und
wenns noch mehr klappt, kommt vom aktiven Zuschauer die Response zu denen auf
der Bühne zurück. Es entsteht Spannung, sie ist auf der Bühne
faßbar, die Interaktion von Spielenden und Zusehenden. Wenns nicht passiert,
lähmt man sich gegenseitig. Mein Bruder Rüdiger erzählt, daß
im hamburger Ohnsorgtheater die Zuschauer deutlich retardiert auf die Szenen
guckten, die in der Brechtschen Modellinszenierung von Mutter Courage von links
nach rechts sprangen und umgekehrt. Im Prinzip sahen die Plattdeutschen immer
dahin, wo grade nicht die action war.
Dem aktiven Blick des Zuschauers
entspricht die größere Freiheit des Spielenden auf der Bühne.
Vor der Kamera bin ich eher allein, festgenagelt von der Kameraposition, dem
Licht, dem Ausschnitt. Auf der Bühne bin ich ich, Teil des Spiels, der
Stimmung nachgebend, auch improvisierend, sozusagen Ganzkörper unter den
anderen. Das Licht folgt, Positionen werden von den anderen aufgenommen, es
kann agiert und reagiert werden. Wenn man Glück hat, gibts Laune und Spaß.
Man steigert sich und gibts in den Zuschauerraum weiter. Ja, ich mag das Theater.
Aber wieso eigentlich holt sich
die Bühne Filme auf die Bühne - und nicht umgekehrt? Wäre es
nicht logisch, daß der Film vom Theater - von der Performance, würde
man heute sagen - seinerseits profitieren könnte? Manche Kinos haben Bühnen.
Keine Neuerung. Vor genau fünfzig Jahren saß ich in einem zürcher
Lichtspielhaus, um einen neorealistischen Film zu sehen. Das Licht ging aus,
der Vorhang blieb unten. Und dann sang Lys Assia live das Lied von Oh mein Papa
war eine wundervolle Clown. Genau weiß ich nicht warum, aber diese theatralische
Darbietung hab ich bis heute lebhaft im Gedächtnis.
Ich weiß, ich weiß,
derlei Performance paßt heute nicht zu dem, was das Unwort Abspiel und
Auswertung nennt. Aber müssen Betriebswirte das letzte Wort haben? Schlingensief
wurde dieses Jahr in Zürich interviewt: "Wie laufen die Theaterproben?"
- "Es wird nicht geprobt." - "Wieso sollen die zürcher Steuerzahler
sechs Wochen Probenzeit finanzieren?" - "Weil ich in dieser Zeit einen
Film drehe". Attabambi-Pornoland.
Und warum soll eigentlich nicht
ein subventioniertes (kommunales) Kino, einen Theaterauftritt finanzieren? Wäre
das nicht eine Projektförderung wert? Die Grenzen durchlässig machen?
Großaufnahme mit der Totalen zusammenbringen? Kaprun wäre nicht im Filmmuseum
oder im Archiv, sondern präsent und total.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen im Juli 2004 im Schnitt
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