zur startseite
zum archiv
zu kuhlbrodts schnitt-kolumnen
Hitler!
Früher hätte man ihn
einen Bengel genannt, dieses Kid. Er saß zwei Reihen weiter in der S-Bahn
und musterte mich. "Was haben Sie denn da auf dem Kopf?" Schön,
es war nicht von H&M. "Mütze", rief ich zurück. "M.Ü.T.Z.E.!
Kriegst Du noch in der Schule!" Ich nahm die Bedeckung runter, und er entdeckte
meine Glatze. "Nazilook ist out!" Inzwischen kuckte der halbe Wagen
auf die Szene. Ich schämte mich: falscher Dress Code, falsches Styling!
Da hatte ein Zwölfjähriger bewältigt, was die Vergangenheitsbewältiger
gepredigt hatten. Ob er den "Untergang" gesehen hat? Die FSK hat ihn ja für ihn freigegeben.
Dann wäre der Führerlook wieder in, aber das wäre für ihn
kein Problem, weil die Codes sowieso alle ein, zwei Jahre wechseln, und er hätte
weiter nichts zu tun, als sich zu informieren. Man will ja dazugehören.
Prinz William, ein paar Jahre älter, wußte auch nicht, warum das
ein Problem sein soll, mit der Hakenkreuzbinde rumzujuxen.
Als ich zehn war, hieß es
nicht Dress Code, sondern Uniform (ich war Pimpf) oder Tracht (meine Mutter
im Dirndl, Arbeiterviertel Hamburg-Basch), und aus dem Volksempfänger oben
an der Wand sprach ER. Ergriffen lauschte die Volksgemeinschaft.
Wie wärs, wir hätten
Chaplins "Großen Diktator" gesehen oder Lubitschs "Sein oder nicht sein"? Wären des
Kaisers neue Kleider aufgeflogen? Hätten
wir den Code wechseln können? Natürlich nicht. Erstens gabs die Filme
nicht zu sehen. Zweitens war "Hitler" mehr als ein Code, nämlich
Markenzeichen, Kulmination und Superkonsens jahrhundertelangen deutsch-völkischen
Wahns. "Hitler" war das Zeichen für alles Gutewahreschöne, das
nach Erlösung strebte (vom Judentum). Unter dem Zeichen "Hitler"
erkannte man einander wieder, und meine Mutter erzählte mit leuchtenden
Augen, wie die alten und neuen Deutschen in der Ostmark nicht Servus sagten,
sondern "sag beim Abschied leis Heil Hitler!" Der Eichinger hat das
nicht wissen wollen, daß "Hitler" ein Markenname war für
die, die kurz vorher noch die Völkischen hießen, d.h. für ziemlich
alle. Aber nach 1945 haben das noch die gewußt, die ins Kino gingen, also
alle, und das zwanzig Jahre lang. Das ging so: der Film sagt was gegen Nazis.
Dann sagt er was gegen Deutsche. Also gegen uns und mich. Das laß ich
mir nicht gefallen. Das muß weg.
Und so geschah es. Die Marke "Hitler"
wurde von der neuen alten Volksgemeinschaft geschützt. Protokoll der Prüfungssitzung
der FSK vom 19.3.1954. Spielfilm: "Berlin Express". Spielleitung:
Jacques Tourneur. "In der internen Beratung wurde über folgenden Dialog
diskutiert: Als die Leiche des im Zug erschossenen 'Perrot-Holzmann' herausgetragen
wird, fragt der Fahrer: 'Perrot? Ein Franzose?' worauf der Hauptmann (Engländer
oder Amerikaner) antwortet: 'Nein, er heißt Holzmann! Original-Erzeugnis:
Made in Germany!' (Dialogliste, Take 908). Die Mehrheit des Ausschusses erblickte
in den Worten 'Original-Erzeugnis: Made in Germany' eine Diffamierung der Deutschen,
weil der Satz indirekt verallgemeinernd klinge, während einige Mitglieder
ihn in dem Klima des Films für tragbar hielten. Der Ausschuß sprach
sich mit 5:3 Stimmen für eine Schnittauflage aus".
Und noch am 1.4.1966: Spielfilm:
"Alexander Newski". Regie: S.M. Eisenstein. "Die Grundhaltung
des Films (ist) nationalistisch und kriegsverherrlichend." Sie stellt für
Kinder und Jugendliche "eine Beeinträchtigung der gesellschaftlichen
Tüchtigkeit dar". - Die Wirtschaftswundergeneration identifizierte
sich nach wie vor mit ihren Kriegern (hier: Ordensrittern), die in Rußland
eingefallen waren und dort leider auf "nationalistischen" Widerstand
stießen.
Wenn heute Nazilook out, aber
Hitlerlook in ist (oder Napolajungmannen oder was noch kommt), dann ist die
Bewältigung im Design angekommen, und "Hitler" bleibt unangefochten
das Markenzeichen für das Original-Erzeugnis: Made in Germany, - beschützt
von Tüchtigen, die keineswegs untergegangen sind, sondern nach wie vor
Unvölkisches bekriegen und wenns vor der eigenen Haustür ist.
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen im Schnitt vom Juli 2005
zur startseite
zum archiv
zu kuhlbrodts schnitt-kolumnen