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Lecture 1 von 100

Kino ist okay. Aber Filme kucken, geht auch woanders. Weiß jeder. Keiner muss im Konzert nach vorne drängen. Wer Musik hören will, kriegt auch hinten was zu sehen, die Nahaufnahmen großformatig gebeamt. – Dies zur beliebten Liveschaltung und zur weniger geliebten Überwachungskamera. Und nun zurück zur Kunst. Im Theaterstück HermannSchlachten gibt es eine dieser Videowände mit handlungsrelevanten Einspielungen, mancherlei Loops und einem Jockey am Pult. – Alles bekannt? Ich finde, es gibt was nachzudenken. Denn wieder wurde liebevoll ein Kurzspielfilm produziert, der im Kino nichts zu suchen hat. Ich weiß das. Ich hatte tagelang den Text gelernt. Kleist! Regisseur Jonas Zipf drehte zweistellige Einstellungen pro Take, jedoch etwas weniger im Stuttgarter Hauptbahnhof, wo ich mich als Varus, der auch ein Mehdorn war, an technologischen Großtaten berauschte. Die Bahn hatte extra über der Wandelhalle einen Turm mit Monitoren gefüllt, die man in Gang setzen konnte, womit man interaktiv wurde, „Stuttgart 2008“ (oder 80?) vor Augen. Die Bahn das Zentrum der Verkehrsdienstleistung.

 

Unser Film verhält sich dezentral. Die hochgerüstete römische Weltmacht von 9 n.Chr. war damals am asymmetrischen Widerstand der germanischen Warlords gescheitert und an Hermann, dem Cherusker, im teutoburger Urwald. Und ich behaupte hier öffentlich, die Urwaldbewohner hatten den autonomen Blick. Der aber wäre ihnen abgewöhnt worden, wenn sie das Sehen im Kino gelernt hätten. Denn dort ist das Auge das Ohr. Habe ich mich klar ausgedrückt? Das Ohr ist bekanntlich ein williges und passives Organ, in das alles reinströmt, was will. Auswählen kann man nichts, höchstens Ohropax reintun. Das Auge verhält sich dagegen wählerisch und selektiv, der Blick geht hier und dort und überall hin, selbst vor der Monitorwand geht er hin und her. Aber im Kino? Gekuckt wird gradeaus, stundenlang. Scheuklappen braucht es nicht, sie sind nicht mehr im Handel. Ins Auge fließt ein Bilderstrom und füllt dich ab. Und du verlernst die Fähigkeit, den Blick zu richten und zu entscheiden, was du siehst. Aus der Perspektive der Spielfilmindustrie bist du aber abgerichtet, Abspielware zu konsumieren.

 

Wählst du deine eigene Perspektive, dann such dir einen autonomen Platz. In den Wagenhallen des Stuttgarter Nordbahnhofs, vorzeiten von der Bahn wegrationalisiert, gibt es ab 20. August „HermannSchlachten“, Theater, Film, Skulpturen (bildende Kunst), Musik, am Wochenende Party, guck doch, was du willst. Oder such dir einen Platz in Ole Aselmanns Cafeteriahyperästhesia, der begehbaren Installation. Such dir einen Platz vor den Monitoren und werd zur Performance.

 

Überkandidelt? Und ob! Sei so frei und geh auf die Drehbühne. Sie dreht sich mit dir und all den Monitoren. – Tschuldigung. Ich bin jetzt bei der Volksbühne Berlin Ost und beim Schlingensieftheater „Kaprow City“.

Kleine Pause.

 

Was ist gewonnen? Du hast Abspiel und Ablauf vergessen. Keine Zeit verrinnt. Alles geschieht zur gleichen Zeit, und du stellst dir autonom dein eigenes Bild zusammen. Kreativ bist du jetzt. Ein Künstler. Wie Schlingensief und die anderen. – Zurück zum Bauwagenplatz. Zur Wagenburg in  Köln. Dort drehte der Meister Mitte Juni die Abnormen, die Kleinwüchsigen, kurz die Freaks, die in Tod Brownings Film von 1932 zum Horror, dann zu Helden wurden – 2007 in der Freaks-Oper zu Bonn. Wieder laufen die neuen kölner Filme am Kino vorbei direkt ins Gesamtkunstwerk Oper, wo sie gleichzeitig mit allem anderen gesehen werden wollen.

 

Wie pack ich das nun als Filmkritiker? Filmanalyse? Nä. Wahrnehmungsforscher, Opernrezensent? Nää. Rat finde ich bestimmt bei Heide Schlüpmann: Ungeheure Einbildungskraft. Die dunkle Moralität des Kinos (2007). Die ersten Sätze habe ich schon gelesen: Dieses Buch entwirft eine Betrachtungsweise von Film und Kino im Zusammenhang mit gesellschaftlichem Leben. Es wendet sich gegen die Vorherrschaft der technologischen und medienteleologischen Perspektive in Theorie und Praxis auf einen Seite, des Kunstbegriffs ... auf der anderen.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: Schnitt Juli/2007

 

         

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