zur startseite

zum archiv

zu kuhlbrodts schnitt-kolumnen

Pädophil

„Pappa, wir müssen reden. Du hast mich als Kind missbraucht“. Was wollte Maik von mir? Ich hätte sein Opa sein können. Ich: „Gibs doch zu. Du hast auch deinen Spaß gehabt. Lass es raus“. Wir saßen auf der Eisenbahnbrücke über dem Schrottplatz, Stuttgart Nord, zwischen den Exwagenhallen und den Eisenbahnwagen, besetzt von Punks und Autonomen. Dort Party. Samstag Nacht. Wir allein, abgesehen vom Dreimannteam. Maik, grade fertig mit der Theaterakademie, hatte sich eine Promotion-DVD gewünscht. Und dass er jemanden zum Anspielen bräuchte. Mich. Verabredet war nichts. Viel geschah in den nächsten vier Stunden. Bis es hell war. Und wir in der Badewanne saßen. Im Freien vor den Besetzerwagen. 200 Liter kaltes Wasser. „Sperr dich nicht. Lass es einfach geschehen. Lass es fließen“. – „Ich hab so was noch nie gemacht“. Das war Maik. – „Ich auch nicht“. Und wieso? War es die Kamera? Vier Stunden Aufnahmen für einen Promotion-Trailer? Aron Kitzig, Teamleader, schlug vor, daraus einen Film zu machen.

 

Was war geschehen? Eine Beziehungstat. Zwischen uns und dem Kameraauge. Die Spontanperformance lief nur im Blick auf die Kamera, obwohl wir nicht reinkuckten. Die Kamera lief nur, weil wir eskalierten. Nichts besonderes eigentlich. Jeder Schauspieler weiß, was zwischen ihm und dem Zuschauerauge passiert. Bloß, damit ist nach der Vorstellung Schluss. Aus dem kalten Wasser raus, haben wir aber vier Stunden Material; alles weitere ist Sache der Postproduktion. Aron Kitzig, www.konsensrecords.de , sammelt. Er lässt es fließen. Er ist der ideale Zuschauer. Aber er braucht einen Raum, um etwas wahrzunehmen. Wie auch immer. Es kann der allseits bekannte Zuschauerraum sein, aber auch ein TV-Format. „Durch die Nacht mit ...“. In Berlin traf ich Julius Bornmann in der Dusche vom Stadtbad Wiener Straße und Uwe Schmieder (Orphtheater) in ... tja, war schon spät, Alk. Möbel-Olfe am Kottbusser Tor? Diesmal gabs 15 Stunden Material. Wieder war geschehen, was nicht vorherzusehen war. Und jetzt gibt es tatsächlich eine DVD. Die kann sehen, wer in der Installationsperformance „Endstation Golgatha“ gewesen war. Exklusiv. Die Zuschauer bekamen die DVD am Schluss der Vorstellung in die Hand gedrückt. Ein Film, der nirgendwo registriert ist, es sei denn, Google liest den „Schnitt“.

 

Was baut sich zwischen Zuschauer und Performer auf, wenn man sie zusammenbringt und machen lässt? Aron Kitzig und Marc Eberhardt installieren das Beziehungsfeld. Im Studio sitzen wir drei nacheinander vor der Kamera und kucken rein. Unbeweglich. Minutenlang. Dramatik! Ein Blinzeln! In der „Endstation Golgatha“. In München. Regie: Jonas Zipf. Der Zuschauer sah, wenn er ins Gebäude reinkam, auf ein Monitortriptychon. Die drei Blicke trafen sich in seinem Auge. Eine Suggestionsanlage. Ein paar Schritte weiter konnte er die Subjektive der drei Performer übernehmen und durch die Gänge des leer stehenden Bürogebäudes irren und eilen, schnell geschnitten, bloß nichts übersehen.

 

Was will ich damit sagen? Äh, Tschuldigung, gewiss nichts Abschließendes. Das Ende der Theateraufführungen ist der Anfang des Films. Und der ist im Fluss. Die Elbe. Das Team zog mit mir nach der Vorstellung („Endstation Sehnsucht“, Wilfried Minks) zum Golden Pudel Club der Goldenen Zitronen. - Wieder in Leipzig. Die Monitorinstallation  der „Bakchenorgie“ (Leipzig, Achim Scherf) wandert nach Berlin in „Das Wirtshaus des Messias“ (Ole Aselmann).

 

All das ist virulent und bricht irgendwann aus. Sagt Kitzig. Und wenns ein Theater-Making-Off ist. Frage: Gibts das? Hat wer über das Making-Off-Genre geschrieben? Über die Bemerkungen zu den Zutaten der DVDs hinaus? – Falsche Fragen. Bloß keine Theorie. Für Kitzig steht ein reeller Fiction-Film an. Und mir gehts darum, dass die Beziehung dauert. Maik hab ich grade wiedergetroffen. Er ist 1 Jahr älter geworden. Wir haben geredet. Wir machen weiter. Kamera läuft.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im Juli 2008 im: schnitt

 

zur startseite

zum archiv

zu kuhlbrodts schnitt-kolumnen