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blabla

 

Gebe ich meinem Rechner zwei widerstreitende Befehle ein, stürzt er zuverlässig ab, bis ich power-aus drücke. Und was ist, wenn ich auf der Bühne stehe und die Impulse habe "hau ab" und "bleib hier"? Bis der Arzt kommt?? - Natürlich nicht: der Biokomplex reagiert differenzierter als Computer hardware. Und so sah ich mich auf dem Video, das meine zürcher Ambivalenz dokumentiert hatte, unentschlossen einen Schritt nach vorn machen, gleichzeitig aber gestisch den Rückzug einleiten. Projiziert (und insistierend wiederholt) wurde dann die Minisequenz in Bayreuth über das komplette Bühnenportal, die Projektionsfläche dreistellig an Quadratmetern, die Parsifal-Sänger schemenhaft und ameisenklein dahinter.

 

"Ich bitt Dich", sagte Schlingensief, "wie soll ich denn sonst den Zuschauer erreichen. Ich kann doch wohl nicht in eine Oper den Dialogtext wer-bin-ich wo-bin-ich was-mach-ich-hier reinschreiben. Aber in Deiner gestischen Ratlosigkeit finden sich alle wieder, die sich im Zuschauerraum die gleiche Frage stellen. Und wir kommen ins Gespräch".

 

Ich habe doppelten Grund, die Bayreuthanekdote zu erzählen. Zum einen selbstverständlich, um meine Eitelkeit zu befriedigen. Zum andern, um gegen die Vorherrschaft des gesprochenen Worts anzustinken. Denn so sehen ja die meisten Filme aus: professionell, aber devot bauen Kamera, Ton und Schnitt zu keinem anderen Zweck die Szene auf, als den Dialogsatz, der da naht, abzufeiern. Eine erbärmliche Unterwürfigkeit, aber auch eine ökonomische Konditionierung, denn die TV-Redaktionen und die Fördergremien, die Geld geben sollen, halten sich an den Drehbuchdialog.

 

Wenzel Storch, der geniale hildesheimer Film-Heimwerker, unterbrach meinen wortreichen Monolog und erinnerte daran, daß er immerhin von einem nicht einmal zuständigen Ländergremium gefördert worden sei und das explizit nicht wegen des Dialogs. "Die Reise ins Glück", und ich sei in diesem hessischen Gremium gewesen.

 

Klasse, paßt zu meinem eitlen Comingout, aber der Film hieß seinerzeit noch "Coconut Dreams". Und, da wir nun mal beim product placing sind, als "Reise ins Glück" kommt er im November im Eigenverleih oder als DVD irgendwie heraus, bild-&schnittreich und dialogarm. Phantastisch also. Daß der Protagonist, der im wirklichen Leben verrenteter LKWfahrer ist, so wenig spricht, liegt allerdings daran, daß Wenzel immer dann, wenn jemand seinen Text nicht gelernt hatte, die Regieanweisung gab: "Laß den Text weg!" Und das wars.

 

Die gleiche Anweisung hatte aus nämlichen Grund Schlingensief in der zürcher Hamlet-Inszenierung dem Großschausspieler Peter Kern gegeben. Damit entfiel auf einem Schlag der gesamte Text, den Shakespeare Hamlets König zugedacht hatte. Stattdessen sieht man jetzt einen Kern sabbeln, faseln, debiles Blabla plärren, und niemand, wette ich, der diesen Auftritt vergißt. Das kommt nah.

 

Es können auch die fernsten Totalen sein, die einen packen: L.A.s nächtliches Downtown in Michael Manns "Collateral" (und den Cruise kannst Du samt seinen Dialogen knicken). Oder die Befreiung des Dialogs von der Aufgabe der Sinnvermittlung in "Coffee and Cigarettes" (Jim Jarmusch). Oder den Dialog als Souverän der Szene entthronen und ihn als Mittel unter anderem nutzen. Das gelingt Tilman Zens in seinem Spielfilm "Such mich nicht", der sein Debut ist, seinerseits souverän. Das Wort ist davon entlastet, Kontexte herzustellen. Farbgestaltung, Bildausschnitte und darin das kontrastierende Spiel der Darsteller machen das Zuschauen zum Miterleben. Momentmal, spielt Filmheldin Lea Mornar das nicht sehr eindrücklich aus: das gleichzeitig-zwei-Impulse-haben? Ohne abzustürzen? Im Gegenteil: den Zuschauer dadurch in den Griff kriegen? - Ja, ich gebs zu: "Such mich nicht" (lief grad auf dem hamburger Filmfest) hat mich gefunden. Jetzt warte ich nur noch auf den japanischen? koreanischen? Film, der in Venedig beeindruckte und von dem ich den Titel nicht weiß, wohl aber, daß er ohne jeden Dialogsatz auskommt. Also endlich Schluß mit dem blabla.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: Schnitt 10/04

 

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