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Unikum und Unikate
Vor zwanzig Jahren fing es damit an, daß ich keine
Lust mehr hatte, in Pressevorstellungen zu gehen. Nur um das Abspielsystem
irgendwelcher Firmen zu bedienen, die mich überhaupt nicht interessieren? Auch
hatte ich damals aufgehört, mich zu schämen, daß im Filmspiegel des jeweiligen
Film- oder Stadtmagazins bei mir böse Lücken klafften.
Also, ganz am Anfang der achtziger Jahre war es, daß
im hamburger Metropolis ein stadtbekannter Filmvollprofi mit dem Finger auf
einen ziemlich großen, schlaksigen und kontaktbereiten jungen Menschen zeigte,
der jedermann freundlich anguckte: "Das ist Peter Sempel. Der nervt bei
der Förderung. Der schafft das noch mit seinem Zeugs ins Kino. Das ist doch gar
nicht richtig Film. Der hat sie doch nicht alle".
Peter Sempel hat jetzt, wir haben 2001, alle
Prominenten im Bild. Auf Foto und im Film. Alles seine Freunde, und etwas
Schräges mußten sie schon haben, ein bißchen Outsider, eine feuchte Ecke,
irgendwas extremes. Blixa Bargeld, Nick Cave, Kazuo Ohno, Dieter 'Yello' Meier,
Nina Hagen, Jonas Mekas, Dolly Buster, Yoko Ono, Allen Ginsberg, Harvey Keitel.
O.k., es sind 200 Fotos, die das frankfurter Filmmuseum ausgestellt hat. Plus
neun Sempelfilm-Programme inkl. Sempel-Performance live. Und das ist erst der
Beginn einer Sempel-Jubiläums-Welle, die in diesem Jahr in die Welt schwappt.
Die erste Sempel-Retro nach 20 Jahren individuelller Filmbegeisterung.
"Kino-Xtrem: 20 Jahre Outsiders, Musik und Tanz", heißt die Show. Und ab April gibts dies Jahr hindurch Monat für Monat zwei Sempel-Retrospektiven:
April: Koki Heidelberg und Black Box, Düsseldorf
Im Mai: in Malmö und Kiel
Im Juni: in New York und Wien
Im Juli etc. folgen Lübeck, Stuttgart, Bremen,
Leipzig, Berlin (Arsenal), Barcelona, Chicago, Chemnitz, Groningen, Paris, Hamburg
(Metropolis) u.v.a.m.
Und nun kommt das Größte: mein Foto ist auch dabei.
Echt. Wir kennen uns seit zwanzig Jahren. Damals zeigte er seine ersten
Punk-Musik-Filme im Café Seeterrassen in Hamburgs Planten un Blomen, gleich
neben dem Untersuchungsgefängnis, wo ich gelegentlich zu tun hatte. Sempel saß
am Eingang mit einem Würfelbecher und 3 Würfeln. Wer drei Sechsen hatte, bekam
noch was dazu, wer nur zwei davon hatte, kam gratis rein, die andern zahlten
Eintritt. Ich hatte zwei Sechsen. "Save the Children/Kriegsjugend"
(DAF, Birthday Party, Neubauten), "Fressen" (U.K.Subs, Beethoven,
Abwärts), die "Blitze im Eierbecher"-Show: damit fings an.
Ich wußte, Peter Sempel würde nichts passieren. Er
war gefeit, begnadet, erleuchtet, begeistert, Kumpel, Meister; was und wen er
liebte, kam auf den Film; keinem gelang es, sich zu entziehen. Selbst Wolfram
Schütte gewährte ihm Platz in den hl. Hallen des
Frankfurt-Rundschau-Feuilletons, und ich schrieb die ersten Kritiken.
Die nächste Station war das hamburger Metropolis.
Grade war der neue Teppichboden drin. Sempel, sein eigener Performer, schüttete
zum "Wilden Raben", oder war es "Der Rabe brennt", einen
Eimer Fische ins Parkett, und Kinodirektor Heiner Ross überlebte seinen ersten
Infarkt. - Sempel ist ein Unikum, und was er macht sind Unikate.
Im Nina-Hagen-Film ist ein Statement von mir drin,
wie toll ich sie fand, als sie vor Jahren im TV, ORF glaube ich, in einer
dieser Talkshows nicht nur fürs gesunde Masturbieren warb, sondern dies auch
demonstrierte. Nicht nur sagen: tun!, das war auch Sempels Devise. Und es wird
weiter getan: "Lemmy", der 98-Minuten-Film über den Sänger von
Motörhead ist schon fertig (www.Sempel.com).
Dietrich Kuhlbrodt
Dieser Text ist zuerst erschienen im: Schnitt vom April 2001
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